E-Mail zurück ins Leben 1 bis 10

E- Mail zurück ins Leben
Wenn ein Tag ein ganzes Leben verändert
 
E-Mail zurück ins Leben  
 
                   Prolog
Glück und Glas, wie leicht bricht das? 
Gestern hätte mir der Spruch nur ein müdes Lachen entlockt, doch heute weiß ich nur zu gut wie wahr dieser Satz ist. Ein anderer Tag, eine andere Zeit oder ein anderer Weg, dann wäre alles anders gekommen. Oder nicht?
                        
 
 I.                   Ritt ins Dunkle
 
Es gibt Tage an denen man spürt, dass etwas nicht stimmt. Die Absage von Pat, dass sie heute nicht mit mir ausreiten konnte, machte mir nichts aus. Das kam schon mal vor und ich beschloss den Weg zum Fluss zu nehmen. Es war heiß und eine Abkühlung tat Thunder und mir gut. Ich ging in den Stall und sattelte ihn. „He nicht so nervös", versuchte ich ihn zu beruhigen. Er mochte die Hitze genauso wenig wie ich. Mit einem gekonnten Schwung saß ich im Sattel und trabte Richtung Fluss. Schon nach kurzer Zeit schwitzte Thunder und er wurde immer unruhiger. Auch mir machte die Sonne zu schaffen aber ich wollte noch nicht zurück reiten. Nur noch ein kurzes Stück und ich war an der kleinen Landstraße, wo ich von weitem einen Bus auf uns zukommen sah. Thunder sah ihn auch und tänzelte unruhig hin und her. „Holla!", sagte ich zu ihm und trieb ihn schnalzend an. Ich wollte noch vor dem Bus rüber. Leicht genervt schlug ich ihm meine Füße in die Flanken um ihn zum galoppieren zu zwingen. Viel zu spät hörte ich das Nahen eines Motorrads. Thunder, der schon zu gestresst war um jetzt noch auf mein ziehen an der Trense zu reagieren, ging mit mir durch. 
Nur mit großer Mühe konnte ich mich auf seinem Rücken halten. Blindlings donnerte er los und an ein Kontrollieren war jetzt nicht mehr zu denken. Wenn ich auch sonst eine gute Reiterin war, heute machte ich alles falsch.
Ich schrie ihn an, zerrte an der Trense und brachte ihn so noch mehr aus der Fassung. Wenn ich nur den Mut dazu gehabt hätte, um mich runter fallen zu lassen, dann hätte ich mir vielleicht nur einige Knochen gebrochen, aber die Angst vor den Schmerzen und meinen Dickkopf alles Meistern zu wollen, ließen mich stur auf seinem Rücken bleiben. Ich kannte den Weg nicht und so sah ich die Baustelle, die in wahnsinniger Geschwindigkeit auf uns zu kam, viel zu spät. Eine Grube die zum überspringen einfach viel zu groß war, tat sich vor uns auf. Ich wusste dass wir das nie schaffen könnten, aber Thunder versuchte es dennoch und dann wurde es schwarz. 
                                     
 
 
                                
 II.                    Wieder erwacht
 
„Aahhm...", stöhnte ich auf und versuchte mir die Hand vor die Augen zu halten. Die Sonne schien mir ins Gesicht und blendete mich. Das Gefühl eines Muskelkaters im ganzen Körper machte sich breit. Mein Mund war wie ausgetrocknet und ich kam mir wie eine Betrunkene vor. 
Langsam kamen mir Erinnerungen hoch. Thunder und ein Bus. Dann wie er blind vor Angst los raste und ich mich krampfhaft an ihm fest hielt. Mir hätte doch vielmehr wehtun müssen. Schließlich waren wir gestürzt. „Aaaauuu!", sagte ich krächzend aber der Schmerz blieb aus. Nach und nach gewöhnten sich meine Augen an das grelle Licht und ich erkannte meine Mutter. „He du", wieder nur ein leichtes krächzen. Sie schluchzte auf und Tränen rannen ihr übers Gesicht. Ich versuchte meine Hand zu heben und erkannte dass es nicht funktionierte. Ich sah einen Schlauch aus meinem Handrücken ragen. Ich verstand nicht was hier vor sich ging und sah meine Mutter fragend an„Was...?“. Ich wollte fragen: „Was ist hier los?“, aber mein Mund war so trocken, dass ich wieder nur ein heiseres flüstern heraus brachte. Meine Mutter nahm hastig meine Hand in ihre und drückte sie fest. Immer noch weinte sie leise vor sich hin. Ich sah mich nach etwas zu trinken um und erkannte nicht wo ich war. Normal hätte ich mich schnell aufgesetzt. Auch jetzt versuchte ich es aber meine Beine reagierten nicht auf den Befehl. Panik stieg in mir hoch und ich begann heftig zu atmen. Ich versuchte zu schlucken. Mein Hals schmerzte und mein Atem wurde zum hecheln. Ich hyperventilierte. Meine Mutter drückte auf einen der vielen Knöpfe und versuchte mich zu beruhigen. „scht scht, bitte bleib ganz ruhig", kam es immer wieder von ihr. Aber keine Erklärung was passiert war. Mit einem Ruck wurde die Tür aufgerissen und ein Riesiger Kerl kam herein gestürzt. 
Er war bestimmt über zwei Meter groß, hatte einen dunklen Teint. Seine fast schwarzen Augen strahlten große Selbstsicherheit und vertrauen aus. „Na Kate, wieder erwacht?“ Fragte er mich in einem Tiefen aber sehr angenehmen Tonfall. Mein Atem wurde ruhiger als er irgendwas an meinem Tropf machte. Es wunderte mich, dass ich nicht einschlief. Woher kannte er meinen Namen? Wieso musste ich an so was denken, wo es doch viel wichtigere Fragen gab. „Durst", sagte ich und griff nun an meinen Hals. Sofort griff der Riese nach einem Becher, lächelte mir freundlich zu und half mir beim trinken. „Gehts?“, fragte er. „Was ist los?“, fragte ich meine Mutter, aber sah nicht von dem Riesen weg. Sein Kopf war frisch rasiert und glänzte leicht vom Schweiß. Jetzt versuchte er meinem Blick auszuweichen. Ich war nun soweit beruhigt, dass er mich zurück ins Kissen legte. Frisch gestärkt sprudelten meine Fragen nur so aus mir raus. „Was geht hier ab?“ War meine wichtigste Frage und dann folgten. „Warum kann ich meine Beine nicht bewegen...? Wo bin ich hier?" Es irritierte mich, dass ich so ruhig blieb. „Verdammtes Beruhigungsmittel!", schoss es mir durch den Kopf. Meine Mutter stand auf und sagte nur „Jo bitte", sah flehend den Riesen an und verließ den Raum und mich.
Es machte mich wütend, dass nichts von mir so reagierte wie es sollte. Ich wollte mich richtig aufsetzen, aber meine Beine gehorchten mir nicht. Ich wollte eine Erklärung, aber meine Mutter verschwand ohne mich anzusehen und ich konnte mich nicht mal aufregen, weil dieses blöde Zeug in mir alle Emotionen lahm legte. „Mum warum...!?“, rief ich ihr noch hinterher und streckte mein Hand nach ihr aus, in der Hoffnung sie so zurückhalten zu können. Als die Tür sich hinter ihr schloss, war es so als hätte sie mich für immer verlassen. Tränen stiegen mir in die Augen und brachten sie zum überlaufen. Normal hätte jetzt mein Herz schneller geschlagen, aber da war nur Ruhe und leere. Ich lies meine Hand sinken und sah zu dem Riesen. Er reichte mir ein Taschentuch und setzte sich auf den Rand meines Bettes.
                       
                           
 III.      Als hätte es die Zeit nie gegeben
 
“Ich bin Jo”, stellte sich der Riese vor. Misstrauisch sah ich ihn an. Meine Arme hatte ich wie zur Abwehr vor meiner Brust verschränkt, doch auf das was jetzt kam war ich nicht gefasst. Jo stand auf und begann langsam auf und ab zu laufen. Er machte mich nervös. Ich war schon immer eine die schnell unruhig wurde und wenn andere mich auf etwas warten ließen, dann konnte ich schnell die Beherrschung verlieren. Nur diesmal hasste ich mich und diese Beruhigungsmittel. “Was ist los?” fauchte ich Jo an. Wenigstens das funktionierte noch. “Du hattest einen Reitunfall.” sagte er mit einem tiefen Seufzer. “ Erzähl mir was neues”, fauchte ich weiter. Mir kam das Bild, wo Thunder mit mir durch ging wieder in den Sinn. Er raste wie ein Besessener auf eine Baustelle zu und danach fehlte mir jede weitere Erinnerung. 
Dann begann er mir zu erklären, was passiert war. Thunder hatte den Sprung versucht und war mit mir in den Abgrund gestürzt. Ein gerufener Notarzt konnte mich gerade noch retten, aber für Thunder gab es keine Hilfe mehr. Zum Glück für ihn musste er nicht leiden und zum Glück für mich fiel ich in eine tiefe Bewusstlosigkeit, die dann nach einigen OP´s, zu einem Koma wurde. Meine Verletzungen waren so gravierend, dass ich von nun an ein leben im Rollstuhl führen werde. Lange stand nicht fest ob ich das ganze überleben würde, sagte er am Ende seines Berichtes. 
Ich lag drei Monate im Koma und konnte mich nicht daran erinnern. Alles war wie ausgelöscht. Weg, einfach weg, als hätte es die Zeit nie gegeben. Und wenn ich an meine Verletzungen dachte, war es vielleicht auch gut so, nur kam jetzt nachdem ich wusste was passiert war der Wunsch, lieber nicht mehr aufgewacht zu sein.
Er redete weiter und erklärte dass ich jetzt schnellstmöglich an die Reha denken müsste. „Haa!”, lachte ich schallend auf. „Welch ein Witz!” Ich machte eine Handbewegung die über meinen Körper ging. „Was soll das ganze noch bringen?“, fragte ich mit einer gewollten Note Hass in meiner Stimme. „Das bringt soviel das du deine Muskeln wieder aufbauen kannst, dass du irgendwann alleine ins und aus dem Bett und in den Stuhl kommst und das dir nicht immer jemand helfen muss.“ Sein Ton war mir gegenüber freundlich aber bestimmt. 
„Ich werde immer in deiner Nähe sein und auf dich aufpassen, werde dein Ansprechpartner und dein Pfleger                                                            -7-sein und wenn du willst die Schulter an der du dich ausheulen kannst“, sagte er. „Du wirst mich nicht heulen sehn“, flüsterte ich leise vor mich hin. „ich seh mal zu, dass ich dir was zum Essen holen kann damit du wieder auf die Beine kommst“. Lachte er leicht auf und verschwand auch. 
Als er die Tür geschlossen hatte, liefen mir die ersten Tränen aus den Augen. „Auf die Beine kommen...“ Pah! Wie konnte er nur so gemein sein? „Ich würde nie wieder laufen können.“ Hätte ich es noch laut ausgesprochen, wäre ich vielleicht ausgerastet, aber es traf mich auch so schon hart genug. 
                            
 
VI.                          Tu es
 
Schon am nächsten Tag ging es los. Jo holte mich ab und brachte mich auch wieder zurück. Es war wie er es gesagt hatte, er war jeden verdammten Augenblick bei mir und passte besser als jeder Hund auf mich auf. An den Tagen gab es so viel zu tun, dass ich es gut schaffte das Nachdenken zu unterdrücken, aber die Nächte waren der blanke Horror. In meinen Träumen saß ich wieder auf Thunder, raste immer wieder auf den Graben zu und wachte dann schweißgebadet und schreiend auf. Mein Wunsch dass alles ein Ende haben sollte, wurde immer größer und im Gedanken ging ich alle Möglichkeiten durch, das zu vollenden, was der Unfall nicht geschafft hatte. So nicht... so wollte und konnte ich nicht weiter machen. Das war doch kein Leben. Für alles brauchte ich Hilfe, selbst um aufs Klo zu gehen. Doch das Training brachte rein gar nichts. Ich, einfach nur Hilflos und kam mir nur noch wie eine Last, eine Platzverschwendung vor. Das wollte ich ändern.
Das Wetter wurde besser und Jo ging jetzt öfters mit mir Spatzieren ›fahren‹. Meine Gedanken drehten sich nur noch um diese eine Sache. „Tu es selbst.“ 
Mit der Zeit verstand ich mich mit Jo ganz gut und nach einigen Wochen schaffte ich es dass er mich auch mal für einige Augenblicke alleine ließ. Es gab nahe der Klinik einen Park und dieser hatte vieles zu bieten, das meiner Fantasie Nahrung gab. Einen tollen See, aber dort ließ Jo mich nie allein. An den Gleißen nahe des Bahnhofes, auch nicht, aber eine Stelle dicht an einer langen Treppe hatte ich schon einige male meine Ruhe vor ihm gehabt.
Diesmal schickte ich ihn weg, um mir von ihm ein Getränk kaufen zu lassen und als er außer Sichtweite war, rollte ich näher an die Stufen ran. Ich stand jetzt dicht davor, im Gedanken schrieb ich einen Abschiedsbrief an meine Mutter. „Mum, ich bringe zu Ende was der Unfall nicht geschafft hat. Du bist gegangen, dann kann ich das jetzt auch tun.“ Langsam griff ich nach den Rädern meines Stuhls und wollte sie drehen. Ich schätzte 40 steile Stufen. Mit geschlossenen Augen und meinen Händen zur letzten Umdrehung bereit, stand ich da. Im selben Moment als ich mich anfeuerte es zu tun, sprach jemand hinter mir die Worte laut aus. „Tu es“ „Jo? Was willst du?“ Ich fuhr erschrocken zu ihm herum, „Tu es, ich halte dich nicht zurück“, sagte er noch mal. „ Bitte geh jetzt“, sagte ich leicht sauer und enttäuscht, dass er mich erwischt hatte. „Tu es, aber du wirst es überleben.“ 
Der Stuhl fängt deinen Sturz ab. Es wird wehtun, aber du wirst es überleben.”
Wortlos drehte ich mich wieder in Richtung Treppe. In mir kochte es jetzt vor Wut. Warum nur war er so schnell wieder zurück? „Na was ist, brauchst du dabei auch Hilfe?“, sagte er in seinem normal lässigen Ton. „Hau ab. Hau einfach ab. Ich kriege das hier schon alleine hin“, fauchte ich ihn an. Ich hasste es so ausgeliefert zu sein.
„Los ich warte, aber denk an die Schmerzen in den Regionen in denen du noch Gefühle hast“, redete er weiter auf mich ein, als würde er mit mir übers Wetter reden. „Boa, halt die Klappe, du nervst!“, schrie ich ihn an. Einem Nervenzusammenbruch nahe, sackte ich heulend in meinen Rollstuhl zusammen. „Ach Kate...“ Als nächstes spürte ich, dass Jo seine Hand auf meine Schulter legte und beruhigend auf mich einredete. „Na komm schon, lass uns Heim gehen.“ Ich konnte nur nicken weil mir die aufsteigenden Tränen den Hals zuschnürten. Schniefend gab ich ihm nach und ließ mich von ihm zurück in mein Zimmer fahren.  Jo merkte, dass ich jetzt meine Ruhe wollte und lies mich allein. „wir sehen uns beim Abendessen“, sagte er, als hätte es den Gedanken, mein Leben zu beenden, nie(?) gegeben. „Ja“, gab ich kurz als Antwort ohne ihn anzusehen. „Yay Geschenke!“, überspielte ich sarkastisch die Wut auf mich. Ein Päckchen lag auf meinem Bett. Es war von Pat, meiner Freundin. Hm... war sie das jetzt noch? Ich wusste es nicht und ich machte mir keine große Hoffnung, das es noch so war. Wir waren doch nur beim Reiten ein Team, aber was jetzt? Jetzt wo ich¡K Pah! Nicht mal dran denken wollte ich. Ich riss das Papier ab und war überrascht ein Buch darin zu finden. Es war gebraucht, hm okay „Bin ich ihr nichts neues wert?“ Ich nahm es und schmiss es mit den Worten, "Wertlos genau wie du selbst!", an die Wand. Ein Zettel fiel heraus und meine Neugier brachte mich erneut dazu hin zu fahren und ihn aufzuheben. Es war eine E-Mail Adresse darauf zu lesen. Kommentarlos zerknüllte ich den Zettel und warf ihn dem Buch hinterher. Gegen Abend wollte ich mein Tagebuch auf den neusten Stand bringen und fuhr zum Schreibtisch, öffnete den Laptop und wollte los schreiben.  „Liebes Tagebuch.“ Wähh! Ich war dem Kotzen nahe. Niemand würde das jetzt noch lesen wollen. Mutlos schloss ich wieder das Programm. Keiner würde lesen wollen, was ich zu schreiben hatte, nicht einmal ich selbst. Um mich vom Denken abzulenken, surfte ich etwas im Netz und dann fiel mit die Adresse wieder ein. Sie war schnell gefunden und die Adresse eingetippt. Was es auch war, das mich gerade jetzt dazu brachte an diese Adresse eine Mail zu schreiben, weiß ich nicht, aber ich war neugierig ob sie noch aktiv war und so schrieb ich einfach los.
»Hey :)« Hm, was sollte ich sonst noch schreiben? Wo ich ja nicht wusste, ob irgendwas zurückkommen würde. Etwas von mir Enttäuscht schickte ich mein »Hey« ab. Jo kam rein, um mich ins Bett zu bringen und so machte ich meinen Laptop aus und dachte nicht weiter nach.
Der kommende Tag war ein Samstag und das bedeute, dass auch ich endlich mal frei hatte und kein Training angesagt war. Nach dem Frühstück und der allmorgendlichen Tortur meiner Körperreinigung, saß ich wieder vor dem Laptop um mir die Zeit zu vertreiben.
›Hey :)) wer bist du? kenn ich dich?‹, konnte ich lesen als ich meine Mails durchging. Ich war überrascht dass die Adresse noch genutzt wurde. ok dann mal los, dachte ich mir und schrieb erneut zurück.
»Hey! nee sicher nicht, aber ich habe deine mailadresse gefunden und wollte mal sehen ob was zurückkommt.« Ich las es noch mal durch und klickte dann auf senden. ›huhu :) du bist ja on. wie kommt‘s das meine Adresse einfach so gefunden werden kann?‹ Kam fast sofort zurück. Er oder sie war also auch gerade am PC. »Hey! ehm ich war beim bummeln auf einem Flohmarkt und habe sie in einem Buch, das ich mir gekauft hatte gefunden« Sendete ich ihm zu. Er musste nicht wissen wen er anschrieb. ›Oha das ist schon seltsam. Wie kommt meine Mailadresse in ein Buch und das dann auf einen Flohmarkt? Welches Buch war es denn?‹. Schrieb er wieder sofort zurück. Ehm..., okay wo war noch mal das Buch und wie hieß es nur? Ich schaute mich im Zimmer um und fand es in einer Ecke. Ich hatte vorher nicht auf den Titel geachtet und war nun geschockt als ich „Der Pferdeflüsterer“ las. und wieder landete das Buch in der Ecke. Mir war die Lust aufs schreiben vergangen und so schloss ich den Laptop ohne ihn runter zu fahren. Wie konnte sie mir das nur antun? Heulen, ich war nur noch am heulen seitdem ich in diesem Alptraum gefangen war.
 
VI.                 Der Glückliche
 
Als Jo leise in mein Zimmer kam fand er ein Häuflein Elend vor. „Soll ich wieder gehen?“ flüsterte er und doch schreckte ich zusammen, weil ich mit meinen Gedanken wieder bei den Treppen war und der Frage ob ich es wirklich überlebt hätte.„Nein, bleib”, sagte ich und versuchte mir nichts anmerken zu lassen, das mir aber nicht gelang, da Jo sich vor mir aus Bett setzte und mich ernst ansah. „Du wirst es weiter versuchen?“ fragte er mich, als wüsste er, an was ich eben noch gedacht hatte. „Ja”, gab ich mit gesenktem Kopf und einem tiefen Seufzer zur Antwort.
Mit dem Ausdruck tiefer Traurigkeit stand Jo auf und schob mich aus dem Zimmer. Zuerst dachte ich er fährt mich zur Treppe, um mir beim Selbstmord zu zusehen, aber er lief mit mir am Fahrstuhl vorbei, in einen Bereich der Klinik den ich nicht kannte. Er klopfte an eine Tür, öffnete diese ohne auf ein herein zu warten und schob mich in die Mitte des Raumes. Der Raum in dem wir uns jetzt befanden lag im halbdunklen.  „He Jo! bringst du mir wieder Arbeit?“, kam es aus einem Bereich in der Ecke. Ich konnte nur erkennen dass da jemand in einem Bett lag aber nicht wie er aussah. „Na klar Felix, du kennst mich doch”, war Jo´s Antwort darauf. Er ließ mich in dem Zimmer stehen und ging ohne mich hinaus. Es machte mir Angst nicht zu wissen was jetzt auf mich zukam und ich fragte mich was Jo damit bezweckte. Die Person in der Ecke räusperte sich und zog so meine Aufmerksamkeit auf sich. „Na wie wolltest du es tun? Nein warte, lass mich raten. An Gift komm hier keiner ran, das kann´s schon mal nicht sein. Aus dem Fenster wirst du mit deinem Rallywagen auch nicht kommen“, rätselte er vor sich hin und lachte bei seinem letzten Satz laut auf. Ich wurde immer nervöser und versuchte zu erkennen, wen ich da vor mir hatte aber meine Augen brauchten noch etwas Zeit um sich anzupassen. „Der Stuhl ist ne gute Idee aber schlecht in der Ausführung”, scherzte er weiter und brachte meine Wut zum überkochen.
„Halts Maul!”, fauchte ich ihn deshalb an und unterbrach somit sein Gelaber. In meinem Kopf herrschte das totale Chaos aber ein Gedanke war, dass ich so schnell es ging hier weg musste.
„Du wirst hier bleiben müssen bis er dich wieder abholt”, kam es wieder schadenfroh von ihm als er sah, dass ich versuchte meine Bremsen zu lösen.
„Sag schon, was war es? Der See? Der Bahnübergang? Oder die Treppen?“ Bei dem Wort 'Treppen' hob ich ruckartig meinen Kopf und verriet mich damit. „Aha, dachte ich es mir doch, dass ich von selbst drauf komme. Hm, gute Idee, aber du hättest es überlebt”, triumphierte er. War er einer dieser Psychofutzis, die mir ins Gewissen reden sollten weil Jo nicht bei mir durchdrang? Langsam gewöhnten sich meine Augen an das Dunkel des Zimmers und ich erschrak als ich sah, dass der, der mit mir sprach in einem Bett lag und eine Maschine ihm das Atmen erleichterte.
Er musste ungefähr in meinem Alter sein, auch wenn ich das nur schlecht bestimmen konnte. Ich holte tief Luft und wollte gerade zu einer Entschuldigung ansetzten als er mich unterbrach.
„Eh, nur kein Mitleid. Dein 'Halts Maul' trifft den Ton besser als jedes Speichellecken.“ Sein Lachen und ein zwinkern passten nicht zu dem Bild, das er mir bot aber es brachte meine Wut soweit zum verschwinden, dass ich jetzt nur nach dem warum fragte. „Du willst wissen warum Jo dich zu mir gebracht hat?“, beendete er meine Frage. Ich schaffte nur ein Nicken weil seine fröhlich Art nicht zu dem Anblick passte den er mir bot.
„Vielleicht soll ich dir ein paar Tipps geben, wie man‘s besser machen kann“, sagte er und es schien als lachte er mich schon wieder aus.
Ich schloss meine Augen und hielt meine Ohren zu, weil ich nicht verstand wie einer der noch schlimmer dran war als ich, so fröhlich sein konnte.
„Du bist doch Irre, völlig durchgeknallt“, schimpfte ich mit ihm weil er mich erneut auslachte.
                                                          
VII.                           Hilflos
 
Weil ich wieder einmal kurz davor war in Tränen auszubrechen, versuchte 
ich mit einem Schwung die Räder des Rollstuhls zu bewegen, um so die Bremse zu lösen. Aber leider war der Gedanke besser als das Resultat. Mein Schwung war zu groß, ich verlor den halt und fiel mit dem Stuhl krachend zu Boden.  „Autsch!”, kam es zischend aus dem Bett. „Das tat sicher weh, aber entschuldige dass ich jetzt nicht aufstehe um Hilfe zu holen”, witzelte er mitleidslos weiter. „Halt deine Klappe oder ich bring dich um!“, fauchte ich ihn an. „Haha, ja klar, da will ich aber dabei sein”, lachte er mich erneut aus. Er machte mich wahnsinnig. Verdammt, wie sollte ich nur allein in den Stuhl zurück und dann hier weg kommen?„Tu doch was!“, flehte ich ihn fast an und Tränen traten mir in die Augen. „Eh eh, wie heißt das Zauberwort?“, machte er sich immernoch über mich lustig. „Leck mich!”, gab ich hasserfüllt zurück, aber ich wusste das ich so nicht liegen bleiben konnte und deshalb versuchte ich mich, nur mit der Kraft die ich in meinen Armen hatte zu meinem Stuhl zu ziehen. Das klappte schon mal. Jetzt nur wieder rein kommen dachte ich mir. Aber wie? Ich hatte es noch nie alleine geschafft vom Bett in den Stuhl zu kommen, geschweige denn vom Boden. „Das schaffst du nie!", provozierte er mich weiter. Ich zog meine Nase hoch, aber gegen meine Tränen konnte ich nichts tun. Ich war nur froh dass er mein Gesicht nicht sah und dachte, einfach ignorieren. Noch vor 3 Monaten wäre es ein leichtes für mich gewesen mich mit den Händen irgendwo festzuhalten oder irgendwo rein zuziehen, doch jetzt war ich hilflos wie eine Schildkröte auf dem Rücken. 
Ich bekam den Stuhl noch fester zu packen und wollte mich mit einem Schwung nach oben ziehen. Mein Schrei erfüllte die Stille des Raumes. Ich hatte nicht damit gerechnet dass ich den Stuhl umwerfen könnte und auch nicht damit, das er auf mich fallen könnte und genau das war passiert. Der Stuhl verlor seine Bodenhaftung und schlug krachend auf mein Handgelenk. Wenn ich nichts spürte, den Schmerz jetzt, spürte ich auf jeden Fall und ich war mir sicher das gerade mein Handgelenk gebrochen ist.
„War es das was ihr zwei Arschlöcher wolltet? Wenn ja dann hat es ja geklappt!”.Ich lag völlig verdreht auf dem Boden, fluchte, heulte und flehte ihn an mir endlich zu helfen. Ich hasste mich für meine Dummheit, aber noch mehr haste ich Jo und diesen Jungen der mir still zusah wie ich mich zum Affen machte. Ein leises klicken war alles was aus seiner Richtung kam und einen Augenblick später stand Jo im Zimmer.
„Felix, was hast du mit ihr gemacht?“, war Jo´s aufgeregte Frage an den Jungen und „Kate, was fehlt dir?“ an mich. „Hee Jo, gib nicht mir die Schuld. Ich hab nicht mal das volle Programm abgezogen. Das hat sie ganz ohne meine Hilfe geschafft“, antwortete er vorwurfsvoll. „Komm Kate, ich bring dich hier weg”, sagte Jo, nahm mich in seine Arme und trug mich aus dem Zimmer.  „Was sollte der Scheiß?“, fragte ich Jo und weinte an seiner Schulter. „Mach das nie wieder, hörst du?“. Ich hielt mich verzweifelt an ihn fest. Noch nie zuvor hatte ich so sehr geweint wie in diesem Moment. Meine ganze Angst, meine Wut und mein selbst Hass brachen jetzt aus mir raus. Jo hielt mich fest an sich gedrückt und ließ mich erst los als ich es zuließ. Ich konnte Tränen in seinen Augen glitzern sehen. 
                                                                  
VIII.                 Die Revanche
 
Ich hatte Recht, die Hand war gebrochen und ich bekam eine Schiene.
Wenn mir nicht ständig zum heulen gewesen wäre, dann wäre ich aus dem Lachen nicht mehr raus gekommen. Ich war doch wirklich zu allem zu blöd.
Nach dem man mich verarztet hatte, brachte Jo mich wieder auf mein Zimmer
und da es noch nicht Zeit zum Essen war, lenkte ich mich mit meinen E-Mails ab. Schreiben ging ja auch mit einer Hand.
Ich hatte eine neue Mail. ›Hey! Gibt’s dich noch?‹ stand da.
Aber klar doch, das mit dem Selbstmord hat ja nicht geklappt, dachte ich. »Klar gibt’s mich noch, hatte nen stressigen Tag. Ach ja, der Titel des Buches war 'Der Pferdeflüsterer'« schrieb ich zurück und drückte auf senden. ›He gut zu hören, lass dich nicht stressen, oh ich wüsste nicht je so ein Buch gehabt zu haben, aber viel Spaß beim lesen.‹, kam fast sofort zurück. Oh mein Gott, wieder so ein Scherzkeks. Sicher wusste er nicht um was es in dem Roman ging, sonst hätte er mir nicht viel Spaß gewünscht. Heute war echt nicht mein Tag. Aus reiner Langeweile schrieb ich weiter. »He du hast auch keine Hobbys, weil du immer am PC hängst.« und schickte es ab. 
Während ich auf Antwort wartete ging mir Felix nicht aus dem Kopf. Was war nur los mit ihm und wie kam es das er so viel schlimmer als ich dran war und trotzdem noch lachen konnte? Ich beschloss, dass ich morgen nochmal zu ihm wollte. Meine Neugier war geweckt und da an diesem Abend keine Nachricht zurückkam, lies ich mich gefrustet ins Bett bringen. Wie fast jede Nacht plagten mich auch diese Nacht wieder Träume über meinen Unfall. Thunder, der den Sprung versuchte und mich mit sich riss. Aber auch Bilder von gestern die sich mit allem was war vermischten. 
Ein großer Blonder junge der aufrecht vor mir stand, mich auslachte und in dem ich Felix erkannte. Gleich am nächsten Tag, als alle Reha Sachen erledigt waren, lies ich mich von Jo zu Felix fahren. Er war überrascht, aber sein schmunzeln ließen mich vermuten das er damit einverstanden war. Wegen der gebrochenen Hand dauerte das heute viel länger als sonst. Kaum das Jo das Zimmer mit den Worten: „Friedlich bleiben!„ verlassen hatte platzte ich auch schon mit meinen Fragen heraus. "Was sollte das gestern und was sollte das heißen 'volles Programm'?“ "Immer wenn Jo einen Selbstmordkandidaten hat, dann bringt er ihn zu mir, damit er oder sie sieht dass es noch schlimmer hätte kommen können", gab er mir als Antwort. "Es sollte die Treppe sein", sagte ich nur, weil mir mehr grad nicht einfiel. "Haha, ja ich weiß, aber klappt nicht, glaub mir, das haben schon viele versucht und sind tief gefallen", sagte er und lachte mich wieder einmal aus. Warum machte mich sein Lachen immer wieder so wütend? „Wo wir schon beim ausfragen sind, was war‘s bei dir?“, wollte ich nun meinerseits wissen. So wie ich mich gestern mit dem heben meines Kopfes verraten habe, so fuhr jetzt Felix bei meiner Frage in die Höhe. „Es ist besser wenn du jetzt gehst", gab er nun ganz bedrückt zur Antwort.  „Hab ich jetzt bei dir einen Nerv getroffen? Ach sorry, du spürst ja nix.“. sagte ich im spöttischen Ton zu ihm. „Verschwinde...", flüsterte er und ich sah dass er schwer schlucken musste um ruhig zu bleiben. Ich wusste, dass ich zu weit gegangen war, aber ich wollte mich bei ihm für gestern revanchieren. Wieder kam das leise klicken, das mir sagte, dass gleich Jo kommen würde um mich abzuholen. „Ha..., im Austeilen bist du groß, nur Einstecken kannst du nicht!", provozierte ich ihn weiter. Jo öffnete die Tür, doch Felix sagte „War ein versehen, du kannst wieder gehen", zu ihm. Mit einen unzufriedenen brummen, aber ohne etwas zu sagen, verschwand Jo wieder. Felix räusperte sich und versuchte sich etwas aufzusetzen, was in seiner Lage nur sehr schwer ging. E-mail   
                                                      
 
VX.    Er hatte es nicht einmal gemerkt
 
„Ich wurde überfahren", sagte er und ich konnte an seiner Stimme hören, dass es ihm schwer fiel darüber zu reden. Ich war nie gut im trösten. Meistens versuchte ich mich vorher schon aus dem Staub zu machen und deshalb kam auch jetzt nur ein „Tut mir leid", von mir. Ruckweise versuchte ich so gut es eben mit einer Hand ging, mich mit dem Rollstuhl vorwärts zu bewegen. Als ich vor seinem Bett angekommen war sah ich, dass ihm Tränen aus seinen Augen liefen. „Tut mir echt leid!", sagte ich noch einmal. 'Oh man, was hast du da nur wieder angerichtet?', schimpfte ich im Gedanken mit mir. Er schüttelte seinen Kopf um so seine Tränen los zu werden. Und dann erzählte er mir seine Leidensgeschichte.
Es war an meinem 11. Geburtstag, als mein Vater wieder mal betrunken nach Hause kam.“ „Meine Schwester und ich spielten in der Garageneinfahrt Fangen und das nächste was ich dann sah, waren die Lichter eines Krankenhauszimmers.“
„Und deine...", ich kam nicht weiter weil er mich mit den Worten „War in diesem Moment bei mir", unterbrach. Ich schloss meine Augen und atmete tief ein. Ein tiefer Seufzer und dann erzählte er weiter. „Sie war 9 Jahre als sie für mich in den Tod ging.".  Mein erschrockenes aufschluchzen unterbrach die Stille die uns zu erdrücken drohte. „Wenn sie sich nicht auf mich geschmissen hätte, wäre ich jetzt an ihrer Stelle und sie noch am Leben", redete er ohne weiter auf mich zu achten. „Er hat es nicht einmal gemerkt", sagte er noch bevor ich ihn mit „Bitte hör auf!", unterbrechen konnte. „OK", sagte er nun ganz leise. Ich griff nach seiner Hand und war erstaunt dass er nicht reagierte. Erst als er zu mir sah, bemerkte er dass ich seine Hand in meiner hatte. Er sah mir in meine Augen und dann sagte er.                          
„Das ist jetzt 10 Jahre her und ich habe vergessen wie sie aussah, wie ihre Stimme und ihr lachen klang. „Glaub mir, wenn ich könnte, ich würde es wieder versuchen", sagte er noch und ich wusste, dass auch er an den letzten Schritt dachte. Wieder nur ein kurzer Augenblick in dem sich ein ganzes Leben veränderte. Ich sah, dass er nur den rechten Arm und seinen Kopf bewegen konnte. Auf einen kleinen Tisch vor ihm Stand ein Monitor und eine Tastatur. Jetzt wusste ich wo das klicken her kam. Er konnte mit dem PC alles kontrollieren. Und so hatte er am Tag zuvor Hilfe für mich geholt.
Jo kam rein um mich zum Essen abzuholen und unterbrach somit unser Gespräch. „Darf ich wiederkommen?“, fragte ich ihn und ich hoffte sehr er würde mich nicht abweisen. „Klar darfst du das", sagte er und zeigte mir nun wieder sein entwaffnendes grinsen. Er hatte das verstellen besser drauf als ich, dachte ich mir, als ich wieder in meinem Zimmer angekommen war. 
                                   
 

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