Kapitel 2 und 3
II. Wieder erwacht
„Aahhm...", stöhnte ich auf und versuchte mir die Hand vor die Augen zu halten. Die Sonne schien mir ins Gesicht und blendete mich. Das Gefühl eines Muskelkaters im ganzen Körper machte sich breit. Mein Mund war wie ausgetrocknet und ich kam mir wie eine Betrunkene vor. Langsam kamen mir Erinnerungen hoch. Thunder und ein Bus. Dann wie er blind vor Angst losraste und ich mich krampfhaft an ihm fest hielt. Mir hätte doch vielmehr wehtun müssen. Schließlich waren wir gestürzt. „Aaaauuu!", sagte ich krächzend aber der Schmerz blieb aus. Nach und nach gewöhnten sich meine Augen an das grelle Licht und ich erkannte meine Mutter. „He du", wieder nur ein leichtes Krächzen. Sie schluchzte auf und Tränen rannen ihr übers Gesicht. Ich versuchte meine Hand zu heben und erkannte, dass es nicht funktionierte. Ich sah einen Schlauch aus meinem Handrücken ragen. Verstand, aber nicht was hier vor sich ging und sah meine Mutter fragend an„Was...?“. Ich wollte fragen: „Was ist hier los?“, aber mein Mund war so trocken, dass ich wieder nur ein heiseres Flüstern herausbrachte. Meine Mutter nahm hastig meine Hand in ihre und drückte sie fest. Immer noch weinte sie leise vor sich hin. Ich sah mich nach etwas zu trinken um und erkannte nicht, wo ich war. Normal hätte ich mich schnell aufgesetzt. Auch jetzt versuchte ich es aber meine Beine reagierten nicht auf den Befehl. Panik stieg in mir hoch und ich begann heftig zu atmen. Ich versuchte zu schlucken. Mein Hals schmerzte und mein Atem wurde zum Hecheln. Ich hyperventilierte. Meine Mutter drückte auf einen der vielen Knöpfe und versuchte mich zu beruhigen. „scht scht, bitte bleib ganz ruhig", kam es immer wieder von ihr. Aber keine Erklärung was passiert war. Mit einem Ruck wurde die Tür aufgerissen und ein riesiger Kerl kam hereingestürzt. Er war gut über zwei Meter groß, hatte einen dunklen Teint. Seine fast schwarzen Augen strahlten große Selbstsicherheit und vertrauen aus. „Na Kate, wieder erwacht?“ Fragte er mich in einem Tiefen aber sehr angenehmen Tonfall. Mein Atem wurde ruhiger, als er irgendwas an meinem Tropf machte. Es wunderte mich, dass ich nicht einschlief. Woher kannte er meinen Namen? Wieso musste ich an so was denken, wo es doch viel wichtigere Fragen gab. „Durst", sagte ich und griff nun an meinen Hals. Sofort griff der Riese nach einem Becher, lächelte mir freundlich zu und half mir beim Trinken. „Gehts?“, fragte er. „Was ist los?“, fragte ich meine Mutter, aber sah nicht von dem Riesen weg. Sein Kopf war frisch rasiert und glänzte leicht vom Schweiß. Jetzt versuchte er meinem Blick auszuweichen. Ich war nun soweit beruhigt, dass er mich zurück ins Kissen legte. Frisch gestärkt sprudelten meine Fragen nur so aus mir raus. „Was geht hier ab?“ War meine wichtigste Frage und dann folgten. „Warum kann ich meine Beine nicht bewegen...? Wo bin ich hier?" Es irritierte mich, dass ich so ruhig blieb. „Verdammtes Beruhigungsmittel!", schoss es mir durch den Kopf. Meine Mutter stand auf und sagte nur „Jo bitte", sah flehend den Riesen an und verließ den Raum und mich. Es machte mich wütend, dass nichts von mir so reagierte, wie es sollte. Ich wollte mich richtig aufsetzen, aber meine Beine gehorchten mir nicht. Ich wollte eine Erklärung, aber meine Mutter verschwand, ohne mich anzusehen und ich konnte mich nicht mal aufregen, weil dieses blöde Zeug in mir alle Emotionen lahm legte. „Mum warum...!?“, rief ich ihr noch hinterher und streckte meine Hand nach ihr aus, in der Hoffnung sie so zurückhalten zu können. Als die Tür sich hinter ihr schloss, war es so, als hätte sie mich für immer verlassen. Tränen stiegen mir in die Augen und brachten sie zum Überlaufen. Normal hätte jetzt mein Herz schneller geschlagen, aber da war nur Ruhe und leere. Ich ließ meine Hand sinken und sah zu dem Riesen. Er reichte mir ein Taschentuch und setzte sich auf den Rand meines Bettes.
III. Als hätte es die Zeit nie gegeben!
“Ich bin Jo”, stellte sich der Riese vor. Misstrauisch sah ich ihn an. Meine Arme hatte ich wie zur Abwehr vor meiner Brust verschränkt, doch auf das was jetzt kam war ich nicht gefasst. Jo stand auf und begann langsam auf und abzulaufen. Er machte mich nervös. Ich war schon immer eine, die schnell unruhig wurde und wenn andere mich auf etwas warten ließen, dann konnte ich schnell die Beherrschung verlieren. Nur diesmal hasste ich mich und diese Beruhigungsmittel. “Was ist los?” fauchte ich Jo an. Wenigstens das funktionierte noch. “Du hattest einen Reitunfall.” sagte er mit einem tiefen Seufzer. “ Erzähl mir was neues”, fauchte ich weiter. Mir kam das Bild, wo Thunder mit mir durch ging wieder in den Sinn. Er raste wie ein Besessener auf eine Baustelle zu und danach fehlte mir jede weitere Erinnerung. Dann begann er mir zu erklären, was passiert war. Thunder hatte den Sprung versucht und war mit mir in den Abgrund gestürzt. Ein gerufener Notarzt konnte mich gerade noch retten, aber für Thunder gab es keine Hilfe mehr. Zum Glück für ihn, musste er nicht leiden und zum Glück für mich, fiel ich in eine tiefe Bewusstlosigkeit, die dann nach einigen OP´s, zu einem Koma wurde. Meine Verletzungen waren so gravierend, dass ich von nun an ein Leben im Rollstuhl führen werde. Lange stand nicht fest, ob ich das ganze überleben würde, sagte er am Ende seines Berichtes. Ich lag drei Monate im Koma und konnte mich nicht daran erinnern. Alles war wie ausgelöscht. Weg, einfach weg, als hätte es die Zeit nie gegeben. Und wenn ich an meine Verletzungen dachte, war es vielleicht auch gut so. Nur kam jetzt, der Wunsch auf, lieber nicht mehr aufgewacht zu sein.Er redete weiter und erklärte, dass ich jetzt schnellstmöglich an die Reha denken müsste. „Haa!”, lachte ich schallend auf. „Welch ein Witz!” Ich machte eine Handbewegung, die über meinen Körper ging. „Was soll das ganze noch bringen?“, fragte ich mit einer gewollten Note Hass in meiner Stimme. „Das bringt soviel das Du Deine Muskeln wieder aufbauen kannst, dass Du irgendwann alleine ins, und aus dem Bett und in den Stuhl kommst und das Dir nicht immer jemand helfen muss.“ Sein Ton war mir gegenüber freundlich aber bestimmt. „ Noch werde Ich in Deiner Nähe sein und auf Dich aufpassen, werde Dein Ansprechpartner und Dein Pfleger sein und wenn Du willst die Schulter, an der Du Dich ausheulen kannst“, sagte er. „Du wirst mich nicht heulen sehn“, flüsterte ich leise vor mich hin. „Ich seh mal zu, dass ich Dir was zum Essen holen kann, damit Du wieder auf die Beine kommst“. Lachte er leicht auf und verschwand auch. Als er die Tür geschlossen hatte, liefen mir die ersten Tränen aus den Augen. „Auf die Beine kommen...“ Pah! Wie konnte er nur so gemein sein? „Ich würde nie wieder laufen können.“ Hätte ich es noch laut ausgesprochen, wäre ich vielleicht ausgerastet, aber es traf mich auch so schon hart genug.

