Kapitel 4 und 5
VI. Tu es!
Schon am nächsten Tag ging es los. Jo holte mich ab und brachte mich auch wieder zurück. Es war wie er es gesagt hatte, er war jeden verdammten Augenblick bei mir und passte besser als jeder Wachhund auf mich auf. An den Tagen gab es so viel zu tun, dass ich es gut schaffte das Nachdenken zu unterdrücken, aber die Nächte waren der blanke Horror. In meinen Träumen saß ich wieder auf Thunder, raste immer wieder auf den Graben zu und wachte dann schweißgebadet und schreiend auf. Mein Wunsch, dass alles ein Ende haben sollte, wurde immer größer und im Gedanken ging ich alle Möglichkeiten durch, das zu vollenden, was der Unfall nicht geschafft hatte. So nicht... so wollte und konnte ich nicht weiter machen. Das war doch kein Leben. Für alles brauchte ich Hilfe, selbst um aufs Klo zu gehen. Auch das Training brachte rein gar nichts. Ich fühlte mich einfach nur Hilflos und kam mir nur noch wie eine Last, eine Platzverschwendung vor. Das wollte ich ändern.
Das Wetter wurde besser und Jo ging jetzt öfters mit mir Spazieren ›fahren‹. Meine Gedanken drehten sich nur noch um diese eine Sache. „Tu es selbst.“
Mit der Zeit verstand ich mich mit Jo ganz gut und nach einigen Wochen schaffte ich es, dass er mich auch mal für einige Augenblicke alleine ließ. Es gab nahe der Klinik einen Park und dieser hatte vieles zu bieten, das meiner Fantasie Nahrung gab. Einen tollen See, aber dort ließ Jo mich nie allein. An den Gleißen nahe dem Bahnhof, auch nicht, aber eine Stelle dicht an einer langen Treppe, hatte ich schon einige male, meine Ruhe vor ihm.
Diesmal schickte ich ihn weg, um mir von ihm ein Getränk kaufen zu lassen und als er außer Sichtweite war, rollte ich näher an die Stufen ran. Ich stand jetzt dicht davor, im Gedanken schrieb ich einen Abschiedsbrief an meine Mutter. „Mum, ich bringe zu Ende, was der Unfall nicht geschafft hat. Du bist gegangen, dann kann ich das jetzt auch tun.“ Langsam griff ich nach den Rädern meines Stuhls und wollte sie drehen. Ich schätzte 40 steile Stufen. Mit geschlossenen Augen und meinen Händen zur letzten Umdrehung bereit, stand ich da. Im selben Moment als ich mich anfeuerte es zu tun, sprach jemand hinter mir die Worte laut aus. „Tu es“ „Jo? Was willst du?“ Ich fuhr erschrocken zu ihm herum, „Tu es, ich halte dich nicht zurück“, sagte er noch mal. „ Bitte geh jetzt“, sagte ich leicht sauer und enttäuscht, dass er mich erwischt hatte. „Tu es, aber du wirst es überleben.“
Der Stuhl fängt deinen Sturz ab. Es wird wehtun, aber du wirst es überleben.”
Wortlos drehte ich mich wieder in Richtung Treppe. In mir kochte es jetzt vor Wut. Warum nur war er so schnell wieder zurück? „Na was ist, brauchst du dabei auch Hilfe?“, sagte er in seinem normal lässigen Ton. „Hau ab. Hau einfach ab. Ich kriege das hier schon alleine hin“, fauchte ich ihn an. Ich hasste es so ausgeliefert zu sein.
„Los ich warte, aber denk an die Schmerzen, in den Regionen, in denen du noch Gefühle hast“, redete er weiter auf mich ein, als würde er mit mir übers Wetter reden. „Boa, halt die Klappe, du nervst!“, schrie ich ihn an. Einem Nervenzusammenbruch nahe, sackte ich heulend in meinem Rollstuhl zusammen. „Ach Kate...“ Als Nächstes spürte ich, dass Jo seine Hand auf meine Schulter legte und beruhigend auf mich einredete. „Na komm schon, lass uns Heim gehen.“ Ich konnte nur nicken, da mir die aufsteigenden Tränen den Hals zuschnürten. Schniefend gab ich nach und ließ mich von ihm zurück in mein Zimmer fahren. Jo merkte, dass ich jetzt meine Ruhe brauchte und ließ mich allein. „Wir sehen uns beim Abendessen“, sagte er, als hätte es den Gedanken, mein Leben zu beenden, nie gegeben. „Ja“, gab ich kurz als Antwort ohne ihn anzusehen.
Ein Päckchen lag auf meinem Bett.„Yay Geschenke!“, überspielte ich sarkastisch die Wut auf mich. Es war von Pat, meiner Freundin. Hm... war sie das jetzt noch? Ich wusste es nicht und ich machte mir keine große Hoffnung, das es noch so war. Wir waren doch nur beim Reiten ein Team, aber was jetzt? Jetzt wo ich ein Kr... Pah! Nicht mal dran denken wollte ich. Ich riss das Papier ab und war überrascht, ein Buch darin zu finden. Es war gebraucht, hm okay „Bin ich dir nichts Neues wert?“ Ich nahm es und schmiss es mit den Worten, "Wertlos Kate, genau wie du selbst!", an die Wand. Ein Zettel fiel heraus und meine Neugier brachte mich erneut dazu hinzufahren und ihn aufzuheben. Es war eine E-Mail-Adresse darauf zu lesen. Kommentarlos zerknüllte ich den Zettel und warf ihn dem Buch hinterher. Gegen Abend wollte ich mein Tagebuch auf den neusten Stand bringen und fuhr zum Schreibtisch, öffnete den Laptop und wollte losschreiben. „Liebes Tagebuch.“ Wähh! Ich war dem Kotzen nahe. Niemand würde das jetzt noch lesen wollen. Mutlos schloss ich wieder das Programm. Keiner würde lesen wollen, was ich zu schreiben hatte, nicht einmal ich selbst. Um mich vom Denken abzulenken, surfte ich etwas im Netz und dann fiel mir die Adresse wieder ein. Sie war schnell gefunden und die Adresse eingetippt. Was es auch war, das mich gerade jetzt dazu brachte an diese Adresse eine Mail zu schreiben, weiß ich nicht, aber ich war neugierig, ob sie noch aktiv war und so schrieb ich einfach los.
»Hey :)« Hm, was sollte ich sonst noch schreiben? Wo ich ja nicht wusste, ob irgendwas zurückkommen würde. Etwas von mir Enttäuscht schickte ich mein »Hey« ab.
Jo kam rein, um mich ins Bett zu bringen und so machte ich meinen Laptop aus und dachte nicht weiter über meinen missglückten versuch, mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen, nach.
Der kommende Tag war ein Samstag und das bedeute, dass auch ich endlich mal frei hatte und kein Training angesagt war. Nach dem Frühstück und der allmorgendlichen Tortur meiner Körperreinigung, saß ich wieder vor dem Laptop um mir die Zeit zu vertreiben.
›Hey :)) wer bist du? kenn ich dich?‹, konnte ich lesen, als ich meine Mails durchging. Ich war überrascht, dass die Adresse noch genutzt wurde und das auf mein blödes Hey geantwortet wurde. ok, dann mal los, dachte ich mir und schrieb erneut zurück.
»Hey! nee sicher nicht, da ich deine Mailadresse gefunden hatte und mal sehen wollte, ob was zurückkommt.« Ich las es noch mal durch. auch dieses mal kam ich mir dumm dabei vor, und klickte dennoch auf senden. >Oh! wie kommt‘s das meine Adresse einfach so gefunden werden kann?‹ Kam fast sofort zurück. Er oder sie war also auch gerade am PC. » Ich war beim Bummeln auf einem Flohmarkt und habe sie in einem Buch, das ich mir gekauft hatte gefunden« Sendete ich zurück. ›Oha das ist schon seltsam. Wie kommt meine Mailadresse in ein Buch und das dann auf einen Flohmarkt? Welches Buch war es denn?‹ Schrieb er sofort zurück. Ehm..., okay wo war noch mal das Buch und wie hieß es nur? Ich schaute mich im Zimmer um und fand es in einer Ecke. Ich hatte vorher nicht auf den Titel geachtet und war nun geschockt als ich „Der Pferdeflüsterer“ las. Und wieder landete das Buch in der Ecke. Mir war die Lust aufs schreiben vergangen und so schloss ich den Laptop, ohne ihn runterzufahren. Wie konnte sie mir das nur antun? Heulen, ich war nur noch am Heulen seitdem ich in diesem Alptraum gefangen war.

