E-mail zurück ins Leben 21 bis 30

XXI.      Was soll jetzt werden
 
Kaum hatte Jonas mein Zimmer verlassen, klopfte es und Jo stand im Raum.
Er setzte sich auf mein Bett und legte gleich los: „Ich bin froh, dass du Felix überreden konntest und wenn ich die Rückmeldung vom Flughafen bekomme, kann es morgen los gehen." „Ohne mich!", sagte ich.
Erschrocken sah er zu mir auf als hätte ich ihn geohrfeigt. „Wie... ohne dich? Das kannst du nicht machen... dann wird er alles abblasen."
„Ihr könnt mir nicht für alles die Verantwortung geben. Mensch Jo, warum versteht mich keiner? Ich kann nicht dabei sein wenn er..., wenn einer der beiden sterben sollte." Ich kannte Jonas nur wenige Stunden, aber mir war an ihm alles so vertraut, so als kenne ich ihn schon mein ganzes Leben. Seine Art zu schreiben, sein Aussehen und die Tatsache, das er kein 'Krüppel' war, so wie ich und...." Ich konnte nicht mal den Satz zu Ende denken und niemals wäre ich im Stande gewesen ihn auszusprechen. Aber genau das war es was ihn für mich so Attraktiv machte.
„Kate?" Jo riss mich aus meinen Gedanken. „Was soll jetzt werden?“
Noch nicht ganz da, hob ich nichts sagend meine Schultern: „Ich werde es Felix sagen, das ich nicht mitkomme", gab ich noch als Antwort dazu.
„Er wird es nicht verstehen... Kate! Er braucht dich, ohne dich wird er es nicht tun", sagte Jo zu mir und beim letzten Wort brach seine Stimme.
„Jo! bitte ich... ", seufzend brach ich meinen Satz ab. Ich konnte ihm ansehen, wie sehr er litt. Felix war wie ein Sohn für ihn und er machte sich noch immer Vorwürfe, weil er mit daran Schuld war, dass Felix sich kaum noch bewegen konnte. Aber mir war das zu viel, von allen als Retter gesehen zu werden.
Ich fasste meinen ganzen Mut zusammen und fuhr wieder zu Felix. An seiner Tür hielt ich kurz inne um Luft zu holen. Schon von draußen hörte ich Jonas und Felix streiten. „Warum hast du sie mit da hinein gezogen, du weist wie viel sie mir bedeutet?“ Was war nur los mit Felix, dass er jetzt seinen Bruder so anfauchte?
„Wenn sie dir so wichtig wäre, würdest du ihr die Wahl lassen, aber du musst ja jedem deinen Willen aufzwingen. Du hast nie gelernt Mitgefühl für andere zu haben. Es ging immer nur um dich. Du hast sie nicht verdient", kam jetzt in dem gleichen Ton von Jonas.
Ich war wie gebannt von dem was ich zu hören bekam. Dann sagte Felix,
„Ich weiß, dass ich egoistisch bin und du weißt, dass nur du wieder nach Hause kommst und ich mach es nur weil ich die drei Tage die mir noch bleiben mit ihr verbringen will.“ 
Und dann brach seine Stimme am Ende ab. Automatisch hob ich meine Hand, um die Tür zu öffnen, aber das was Jonas antwortete lies sie mich wieder senken. „Ich weiß das der Arzt sagte, es wird schwerer als bei einer Normalen Transplantation. Aber bitte nutze die einzige Chance die du hast, aber lass sie dir nicht beim sterben zusehen, das würde sie zerstören.“
Ich war wie zerrissen als ich das hörte. Es sah so aus als würde er sterben egal ob er die OP machen ließe oder nicht. Resigniert vergaß ich mein Vorhaben und fuhr in mein Zimmer zurück.
Jo war noch da und es sah so aus als wartete er auf den Weltuntergang. „Du kannst alles vorbereiten, ich komme mit“, sagte ich mit gesenktem Kopf. Er sollte nicht sehen wie es mir ging. Freudestrahlend verließ er mein Zimmer und Ich verfluchte die ganze Welt und ganz besonders mich selbst. Um mich abzulenken öffnete ich meinen Laptop um nachzusehen, ob meine Mutter mir geschrieben hatte. Ich hatte drei neue Mails.
Eine war von meiner Mutter ›hallo kitty, mir wurde gesagt ich darf dich nicht nach Hause holen. das macht mich sehr traurig. Aber da es nun mal so ist, sei mir nicht Böse wenn ich dich für die nächste Zeit nicht besuchen werde.‹ Ha ja, so war meine Mutter. Wenn es nicht so lief wie sie es wollte, schmollte sie rum. 
Aber das konnte mir nur recht sein. Die Zeit nach dem erwachen hatte mir geholfen mich von ihr abzukapseln. Im Denken war ich nun viel freier und selbstständiger als noch vor dem Unfall. Die zweite war von einer Firma die Pferdefutter verkaufte. Das übliche kaufen 'sie drei und bezahlen zwei'. Ich löschte sie gleich, weil ich diese Art von Angeboten nie wieder brauchen werde. Die dritte überraschte mich nun doch. Jonas hatte mir geschrieben. Oder sollte ich sagen mein Mailpartner? ›hii, hast du vielleicht heute am späten Abend zeit zum chatten? bitte melde dich.‹ Selbst wenn ich nicht gewusst hätte, dass es Jonas war, hätte mich diese Mail nervös gemacht. So hatte er nie geschrieben. Und weil ich nicht vor hatte heute noch mal mein Zimmer zu verlassen, schrieb ich ein »klar da müsste gehen. ist 21 uhr ok?«, an ihn zurück. Es war noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Chat, als es ganz leise an der Tür klopfte. „Ja!", rief ich leicht genervt in Richtung Tür. Jonas kam zögernd rein. „Was willst du denn jetzt noch hier?“, fragte ich völlig überrascht. Ich wusste doch, dass er gleich mit mir chatten wollte. „Ich wollte dir noch mal danke sagen. Morgen gehts schon los hat Jo gesagt und deshalb werde ich die Nacht auch hier verbringen.“
„Wird er es schaffen?“ Nur dieser eine Satz trieb mir wieder Tränen in die Augen. 
Jonas schüttelte verneinend den Kopf, drehte sich um und verließ mein Zimmer. Die Tür schlug leise zu und doch war es als würde mir jemand in den Magen treten. 
 
XXII.    ich merk das es dir nicht gut geht
 
Laut und hastig atmete ich ein. Ich hatte vergessen Luft zu holen und spürte jetzt ein leichtes Schwindelgefühl in meinem Kopf.
Nur schwer konnte ich mich auf das konzentrieren was jetzt kommen sollte. Ich drehte mich zu meinem Laptop und wartete das er mir schrieb. Die vertraute Anfrage blinkte auf und ich nahm den Chat an. ›hii, wie gehts dir ?‹, stand da. Normal hätte mich diese Frage wieder wütend gemacht, aber heute wusste ich, dass er nur fragte damit ich ihn dieselbe Frage stellte. »ganz gut und dir?«, log ich ihn wieder an. Heute sollte es mal nicht um mich gehen. ›nicht so gut :(‹, kam von ihm zurück. Es war an seiner Art, wie er schrieb, zu sehen das ihn etwas bedrückte. »was ist los? willst du drüber reden? wolltest du heute nicht zu deinem freund? ist etwas mit ihm?« Ich bombardierte ihn mit Fragen. ›würde echt gern drüber reden. danke. Ja mein freund ist sehr krank und mit großer wahrscheinlichkeit wird er es nicht überleben. er hat eine freundin‹
Wow, das war echt heftig. Er erzählte einer Wildfremden seine Sorgen. Ich hatte das Gefühl, dass er dem letzten Satz noch etwas anfügen wollte, es aber nicht übers Herz brachte. »das tut mir sehr leid. kann man ihn nicht retten. was hat er denn. für sie muss es besonders schlimm sein.«, schrieb ich zurück.
›er braucht eine op, aber die ist sehr kompliziert. ich hab sie heute kennen gelernt und sie ist ein tolles mädchen. stark, lieb und genau die richtige für ihn und trotzdem behandelt er sie falsch. sie soll ihm beim sterben zusehen. ich würde ihr das nicht antun‹. Mir entging nicht, dass er noch kurz über seinen Freund 'Felix' schrieb. Aber sehr viel über das Mädchen 'mich'.
»du kannst sie gut leiden?«, wollte ich jetzt wissen. Ohne es zu merken ging es nun doch wieder nur um mich. Nur kein kurzes ›ja‹ kam von ihm zurück. Das hatte ich jetzt nicht erwartet. »bist du neidisch oder eifersüchtig auf deinen freund?«, wollte ich wissen. Es war pure Neugier auf das was er wohl darauf antwortete. Er enttäuschte mich mit einer wieder zu kurzen Antwort. ›nein‹ »kann ich dich irgendwie aufmuntern? ich merk das es dir nicht gut geht. das angebot zu reden steht.« Ich zögerte etwas und dann löschte ich den letzten Satz und schickte nur den Rest ab. Wie hätte ich mich auch raus reden sollen wenn er mit mir telefonieren wollte? ›das du mit mir schreibst hilft mir schon sehr und lenkt mich ab. du hast ein gutes gespür für sowas. ich will dir aber nicht den kopf voll jammern, weil ich für eine andere etwas empfinde was ich so noch nie hatte.‹ Heute stieß er mich von einem Schreck in den nächsten. »ist schon ok, aber wie kannst du nach nur einem tag schon Gefühle für sie entwickeln?« Auf das was jetzt kam war ich schon gespannt. ›ja is schon seltsam. ich hätte es auch nicht gedacht aber irgendwie erinnert sie mich sogar an dich. ihre und deine art sind sehr ähnlich‹, schrieb er und brachte mich damit zum schwitzen. 'Oh mein Gott', stöhnte ich im Gedanken auf. Ich hatte mich ohne es zu wollen verraten. Ich konnte ihn jetzt nicht von ihr ablenken, dafür war meine Neugier zu groß. »das musst du mir erklären. du kennst mich doch nur vom schreiben her.«
›bei ihr kommt es einem immer so vor, als wäre sie ständig kurz davor in die luft zu gehen
und sie lässt sich von niemandem was gefallen. sie heißt kate und felix nennt sie kitty und genau wie eine raubkatze ist auch. sie immer auf der hut oder auf angriff aus. bei deiner art zu schreiben habe ich auch oft das gefühl, dass es so wäre. z.b. das du es nicht leiden kannst wenn ich dich frage wies dir geht‹ Ich las was er geschrieben hatte, kniff kurz meine Augen zusammen und ein tiefer Seufzer unterstrich die Wut die ich auf mich hatte. 
Es gefiel mir nicht, dass er mich so sah aber wenn ich an die letzten Wochen zurück dachte, musste ich ihm recht geben. Aus der einmal so gelassenen Kate ist eine ständig auf Abwehr bedachte Katze geworden. Aber so war ich nicht, so wollte ich nicht sein. Es machte mich traurig, dass er so dachte. Gerade er sollte nicht so von mir denken, das fühlte ich und es machte mich ganz unsicher. Er brachte mich ganz aus meinem Vorhaben, ihn auszufragen, raus. Was sollte das ganze..., was war seit heute so anders..., ging es mir genau wie ihm, das sich, an nur einem Tag, alles ändern kann? ›bist du noch da?‹, kam von ihm und riss mich damit aus meinen Gedanken. »sorry, klar bin ich«, schrieb ich schnell und schickte es ab, um ihn nicht noch länger warten zu lassen. Unbedacht schickte ich einen großen Fehler hinterher »ich bin keine Raubkatze. das siehst du völlig falsch.« ›eigentlich meinte ich auch nicht dich damit. es ist nur, dass es mir so vorkommt und das du es auf dich beziehst, gibt mir schon etwas recht. aber ich wollte dich damit nicht angreifen.‹ Erleichtert atmete ich auf. Er hatte wieder nichts gemerkt. »tut mir leid, das war mein fehler.«, schrieb ich ihm schnell zurück und hoffte so wieder auf eine normale Ebene zu kommen. 
›nein..., ich muss mich bei dir entschuldigen. ich hatte heute einen Scheißtag und so wie es aussieht, geht er direkt in eine noch schlimmere Woche über. es ist nicht fair von mir, dich damit zu belasten.‹ Er war nicht der einzige der einen Scheißtag hatte und auch für mich gab es keine Aussicht, dass das was kam besser werden sollte. »mach dir mal keine sorgen, freunde sind für einander da und ich höre dir zu, wenns sein muss die ganze nacht lang.«
Langsam glaubte ich, ich spinne. Was zum Teufel tat ich da? Ich sollte doch morgen schon nach Amerika und er auch. Aber ich wollte nicht das er aufhörte zu schreiben. Ich wollte nicht allein mit meinen Gedanken sein, aber zu Felix konnte, nein wollte ich nicht.
›danke das du meine freundin bist, dass kann ich jetzt echt gut gebrauchen. wäre schön jetzt jemanden in meiner nähe zu haben‹
Oh nein, normal war das jetzt auch nicht, aber so wie es aussah ging das jetzt auch nicht mehr.
»ich weiß genau was du meinst und ich hab auch solche momente, wo ich gerne jemanden bei mir hätte.« Ich war so down, weil ich wusste das es Jonas war der mir sein Herz ausschüttete. Und das ich ihn anlog machte es nicht besser.
»wie gehst du jetzt damit um, dass dein freund so krank ist?« Ich wollte ihm am schreiben halten und begann ihn auszufragen.
›ich sollte jetzt ins bett gehen.‹, schrieb er mir zurück. Panik stieg in mir auf und alles schrie: „nein, bitte bleib“. »kannst du noch etwas bleiben? du musst mir die frage nicht beantworten. sorry.« Sollte ich nicht froh sein, dass er gehen wollte? Ja eigentlich schon aber ich war es nicht. Ich wollte das er blieb..., das er bei mir blieb..., nur bei mir. Wie konnte ich nur so egoistisch sein, so wie Felix? Traurig versenkte ich meinen Kopf in meine Hände und begann zu weinen.
›es geht nicht um die frage, sondern darum, das ich morgen für einige zeit verreise. die op meines freundes ist im ausland und ich werde ihn begleiten. aber ich werde mich so schnell es geht bei dir melden, wenn es dir recht ist?‹
Wie wollte er das machen, wenn er selbst operiert werden sollte? Wenn er jetzt aus dem Chat ging, würden sich meine Gedanken überschlagen und mich am schlafen hindern. Und trotzdem lies ich ihn gehen. »ok, dann wünsche ich euch eine gute reise und deinem freund gute besserung. und klar bitte melde dich bei mir. Tschüss.« Ich hätte gern noch so viel dazu geschrieben, aber ich wusste, so war es besser.
 
XXIII.     Ein perfekter Moment
 
Ich schloss den Chat und meinen Laptop bevor ich weinend zusammensackte. 
Ich hatte mich nicht mehr im griff und schluchzte hemmungslos und laut auf. Tränen flossen wie Sturzbäche aus meinen Augen und mein Körper zitterte so stark, das mein ganzer Rollstuhl bebte.
Laut aufschreiend fuhr ich zusammen, als wieder einmal eine Hand auf meine Schulter gelegt wurde. Mein Weinen musste man bis weit nach draußen gehört haben.
„Jonas...!", rief ich überrascht aus und breitete meine Arme aus. Das war einer dieser Momente, wo man nichts sagen musste weil das Herz alles übernahm.
Er zog mich an sich und durch seinen starken Griff, sah es so aus als stände ich ihm aufrecht gegenüber. Mein Gehirn brauchte mir nicht zu sagen, dass das unmöglich war. Mir war alles egal, bis auf die Tatsache, dass er bei mir war und ich in seinen Armen. Sicher war er mehr als ich über mein Verhalten überrascht, aber er lies es sich nicht anmerken. Und dann kam es wie es kommen musste. Er küsste mich und ich erwiderte nur zu gerne seinen Kuss. Ich legte meine Arme um seinen Nacken und noch immer hielt er mich damit ich nicht fiel. 
Es war ein tolles Gefühl, das meinen gesamten Körper durchströmte. Warum fiel mir in diesem Moment nicht auf, dass es wirklich meinen gesamten Körper durchzog?
Ich kam mir vor, wie nach einem langen Spurt, als wir unsere Lippen voneinander lösten. Noch ganz wirr in Kopf fragte ich. „Warum?“ Zu mehr war ich nicht fähig. „Keine Ahnung..., ich musste es einfach tun... Vor einigen Minuten hat mir ein Mädchen gesagt, ich solle bleiben, aber sie ist nicht du und da konnte ich es nicht", sagte er und verstärkte seine Umarmung noch und begann mich wieder zu küssen.
Auch ich verstärkte meine Umarmung, aber nur damit er nicht meine Traurigkeit erkannte die sich in meinem Gesicht widerspiegelte. Wie gern hätte ich ihm gestanden, dass ich dieses Mädchen war. Eigentlich sollte mir jetzt alles egal sein, er war bei mir und ich in seinen Armen, aber etwas nagte in mir. Dieser Moment war einfach zu perfekt, als das ich ihn ohne dafür büßen zu müssen genießen durfte. Und genauso war es dann auch. Mein Handy klingelte und als wäre es das erwachen aus einem Traum, riss es mich wieder in meinen Rollstuhl zurück und schmerzen die ich nicht zuordnen konnte durchzogen meinen ganzen Körper. Für den Bruchteil eines Augenblick konnte ich stehen und war Jonas ebenbürtig. 
Und jetzt war es nur noch eine Erinnerung.
Ohne aufs Display gucken zu müssen, wusste ich das es Felix war. Beschämt von dem was wir gerade getan hatten, drehte sich Jonas um und wollte gehen. „Bleibst du, wenn ich dich darum bitte?“, fragte ich ihn in ein erneutes klingeln. 
Stumm und mit geschlossenen Augen schüttelte er seinen Kopf. Dann ging er und lies mich allein. Wieder klingelte mein Handy und ich hasste Felix für das was ich ihm antat. Ich stand zwischen zwei Brüdern, die beide Gefühle für mich hatten. Aber mir ging es doch auch nicht besser, versuchte ich eine Entschuldigung für mich zu finden.
Ich war ein Biest geworden, das ohne zu zögern mit der Liebe anderer spielte. Und wieder klingelte es. Ich machte mein Handy aus und ging ins Bett. Ich hatte ihm nichts zu sagen und wollte seine Stimme nicht hören. 
Noch lange lag ich da und wartete, das Jonas wieder kam. Ich sah zu den Ziffern meines Elektroweckers und beobachtete wie die Minuten wechselten. Das letzte was ich sah war 4.39 Uhr.
Es schien mir so, dass ich gerade erst eingeschlafen war als Jo mich aus dem Schlaf riss. „Kate..., he kleines..., willst du nicht wach werden du Schlafmütze?“ Völlig Orientierungslos sah ich wieder auf meinen Wecker. 6.08 Uhr.
„Ich kann stehen Jo", murmelte ich ihm schlaftrunken entgegen.
„Du hast geträumt meine kleine", sagte er und nahm mich in den Arm. „Felix wartet schon abreisebereit auf dich und Jonas.“
Ich kam mir wie betrunken vor. Voller Übermut und Trotz wollte ich es ihm beweisen und setzte mich auf den Rand meines Bettes. „Der kann warten", sagte ich und versuchte aufzustehen.
Jo hatte mir nach der Umarmung den Rücken zugewannt um meine Reisetasche zu packen. Doch ein Schmerzensschrei aus meiner Richtung lies ihn zu mir eilen. Er kam zu spät um mich aufzuhalten, aber noch rechtzeitig um zu verhindern das ich mit dem Kopf auf den Boden aufschlug. Das nächste was ich spürte war eine Ohrfeige von ihm und das zittern seines Körpers als er mich in seinen Armen hielt und weinte.
„Aber gestern gings..., Jo..., ich kann es..., ich kann stehen... Du musst mir glauben..., ich habs gefühlt..., ich hab meine Beine gespürt...“, stammelte ich schluchzend und tränenerstickend.
Jo hielt mich noch fester an sich gedrückt und sagte wieder. „Es war nur ein Traum.. ein schöner Traum.“ Ich löste mich aus seiner Umarmung und funkelte ihn böse an. „Dann nicht.“ Der vertraute Moment war wieder einmal von meinem Dickkopf zerstört worden. Das konnte ich echt gut.
 
 
 
XXIV.               Die abreise
 
Er setzte mich in meinen Stuhl und begann meine Sachen zusammen zu suchen. Nach dem Frühstück sollte es los gehen und so versammelten wir uns alle in Felix´s Zimmer um gemeinsam zu essen. Der gestrige Abend hatte so vieles geändert, dass wir ganz steif da saßen und keiner den anderen ansehen konnte. Ich fühlte mich, als wäre ich beim stehlen erwischt worden und ich konnte Jonas ansehen, das es ihm genauso ging. Nur Felix war wie immer und versuchte mit seiner aufgesetzten Fröhlichkeit alle abzulenken. Nach einer Stunde, die mir wie ein Tag vorkam, holte uns ein Taxi ab und brachte uns zum Flughafen. Felix hatte eine Privatmaschine gemietet, die uns direkt zum Ziel bringen sollte.
Ich schaffte es fast den ganzen Flug zu verschlafen und erwachte mit einem Riesen Hunger und schlechter Laune, die einem Stinktier alle Ehre gemacht hätte. „Egal Hauptsache essbar“, raunzte ich Jo an, weil er mich fragte was ich essen wolle. Grinsend brachte er mir einige belegte Brote, die ich nur so verschlang. Felix schmiss mir ein Kissen an den Kopf und machte sich über mich lustig. „Mensch Kitty, wenn ich gewusst hätte wie du aussiehst wenn du wach wirst, dann hätte ich dich nicht mitgenommen.“ 
Mit meiner ganzen Kraft schmiss ich das Kissen zurück und traf ihn ins Gesicht. „Und wenn ich gewusst hätte wie du bist wenn du wach bist, dann hätte ich dir Schlaftabletten ins Essen gemischt.“
Mein Wurf war so stark, das Felix sich den Kopf an der Kopfstütze anschlug. „Hört endlich auf ihr zwei Idioten!“, rief Jonas laut in unseren Streit. „Ihr habt sie doch nicht alle.“ Kam noch bevor er in der Bordtoilette verschwand. Überrascht sahen Felix und ich uns an und dann brachen wir in wildes Gelächter aus. Jo musste uns auch für Irre halten, aber außer ein verständnisloses Kopfschütteln kam nichts von ihm. Er stand auf und folgte Jonas um ihn zurück zu holen. Das Flugzeug sollte gleich landen und wir mussten uns anschnallen. Auch hier wurden wir wieder von einem Wagen abgeholt und in die Klinik gebracht. Auf der Fahrt dahin herrschte eisiges Schweigen. Jeder von uns wusste, dass es keine Vergnügungsreise war. Und ich hatte Angst, dass ich mit Jo allein wieder zurück fliegen würde. Je näher wir unseren Ziel kamen, desto schwerer lastete dieses Wissen auf mir.
Nach einer dreiviertel Stunde hielten wir vor einer großen Villa. Ich dachte das wir hier übernachten sollten um dann Morgen fit für die Klinik zu sein. Doch als wir in der Lobby ankamen war ich überrascht. Die Villa war die Klinik. 
Jo machte alles klar und wir wurden alle sehr freundlich aufgenommen. Jonas und Felix wurden gleich von einer hübschen Krankenschwester in einem knappen Kittelchen abgeholt. Scherzend beugte sie sich über Felix und gab ihm einen guten Einblick in ihren Ausschnitt. Eifersucht stieg in mir auf. Ich versuchte es mit einem Kopfschütteln abzutun und die Erinnerung an gestern Abend sagte mir, das Felix, wenn er es gewusst hätte, den größeren Grund hatte eifersüchtig zu sein.
Als man die beiden weggebracht hatte, kam eine andere Krankenschwester und zeigte Jo und mir mein Zimmer. Es waren schöne Räume die sehr Familiär eingerichtet waren. Um mich abzulenken, schlug Jo vor etwas richtiges zu essen oder mir das Außengelände zu zeigen. Ich wollte mich lieber frisch machen, um auf andere Gedanken zu kommen und Jo half mir wie immer dabei. Als nach zwei Stunden immer noch keine Nachricht von den Jungs kam, wurde auch Jo nervös. Er ging um nach zusehen wie es den beiden ging. Nach einer viertel Stunde, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, kam er mit Jonas zurück. Auf Jonas Gesicht konnte ich große Sorgen erkennen.
„Die OP muss verschoben werden weil Felix einen Anfall hatte.“ Der Satz von Jonas traf mich wie ein Faustschlag. 
„Anfall..., was für einen Anfall...?“ Ich schrie Jo und Jonas gleichzeitig an. „Verdammt noch mal, sagt mir endlich was hier abgeht!“ Ich war selbst nahe dran einen Anfall zu bekommen, als Jonas mir seine Hand auf meine Schulter legte. „Kate beruhig dich.“ „Ich will mich nicht beruhigen, ich will zu Felix und zwar sofort.“ Schon wieder war ich drauf und dran mit meinem Stuhl eine Tür einzufahren. „Kate... komm zu dir!“, schrie Jonas in mein Toben rein und hielt mich auf. „Der Flug und der Stress in den letzten Tagen waren einfach zu viel für ihn und er hatte einen Schwächeanfall. Sie haben ihm etwas zu Beruhigung gegeben und die OP auf Übermorgen verschoben.“ Warum nur verstand keiner der beiden, dass ich bei ihm sein wollte wo es ihm nicht gut ging? Dafür war ich doch da, dafür wollte mich doch Felix bei sich haben, oder nicht?
„Bitte“, flüsterte ich flehend „Lasst mich zu ihm.“
XXV.  Gestern, schien eine Ewigkeit her zu sein 
Jonas ging in die Knie um mit mir gleich auf zu sein und dann sagte er und ich verstand es kaum, weil es fast ein flüstern war. „Wann begreifst du endlich, dass Felix dich nur mitgenommen hat damit du ihm beim sterben zusiehst?“
Meine Reaktion auf diesen Satz traf ihn in Form meiner flachen Hand auf seine Backe. 
Er stieß mich mit samt meines Rollstuhls von mir und sagte hasserfüllt: „Ihr habt euch echt verdient.“ Ich sah auf meine Hand und begriff nicht was ich gerade getan hatte. Gedanken und Gefühle kämpften in mir und ich schloss meine Augen, um nichts mehr von meiner Außenwelt mitzubekommen. Alles was ich machte war verkehrt. Gestern schien eine Ewigkeit her zu sein und sein Kuss war nur noch Erinnerung an etwas verbotenem. Hatte das denn nie ein Ende? Wann kam endlich der Moment, wo ich erwachte und mir jemand sagte: „Du hast alles nur geträumt“? Ich sollte aufgeben und die beiden in Ruhe lassen, aber mich zog es zu Felix. Er war wach, als ich vorsichtig ins Zimmer fuhr.
Er empfing mich mit seinem frechen Lächeln. Noch ziemlich schlapp hob er seine Hand und versuchte mir anzudeuten, dass ich zu ihm ins Bett kommen soll. Er sah so krank aus, das es mir Angst machte, was diese Reise angerichtet hatte. Ich kam seiner Bitte nach und legte mich zu ihm. Seine Hand war eiskalt und sein Gesicht leichenblass Ich versuchte mit schlucken zu verhindern, dass mir wieder Tränen in die Augen stiegen und dann drückte er wieder leicht meine Hand und sagte kaum hörbar:
„Ich kann es Kitty.“ Ich wusste was er meinte, aber ich wollte das er es aussprach.
„Was kannst du?“, fragte ich deshalb.
„Ich kann lieben..., verstehst du Kitty? ...ich liebe dich.“ Und wieder hatte er es geschafft, dass ich heulen musste. Doch diesmal, weil ich endlich das Gefühl hatte, angekommen zu sein. Ich hielt seine Hand noch fester und dann drehten wir uns zueinander und küssten uns. Wieder und immer wieder fanden unsere Lippen aufeinander. Ich drehte mich ganz zu ihm und lag schon fast auf ihm drauf.
Ich umarmte und küsste ihn, als wüsste ich, das wir uns nie wieder sehen würden wenn ich den Raum verließe.
Atemlos vor Glück und berauscht vor Liebe lagen wir lange schweigend nebeneinander. Keiner von uns wollte der erste sein der diesen Moment mit Reden zerstörte und so schlief ich neben ihm ein.
 
XXVI.       Ich war gefangen
 
Sonnenstrahlen weckten mich und erst nach und nach dämmerte es mir wo ich war und warum ich hier war. Vor Schreck fuhr ich hoch als ich merkte, das ich allein im Bett lag. 
„Felix...!?“, schrie ich auf.
Jetzt erst merkte ich, dass ich nicht mehr in seinem Bett geschweige denn in seinem Zimmer war. Jo stand am Fenster und sah mich an.
Sicher war er es der mich von Felix weg gebracht hatte. „Wo ist Felix und warum bin ich nicht bei ihm?“, wollte ich wissen. „Willst du etwas essen?“, fragte er mich und ignorierte damit meine Frage. „Nein Jo, ich will wissen warum du mich weggebracht hast?“ Klar hatte ich Hunger aber sein Ausweichen machte mir Angst und wieder stieg Panik in mir auf. „Es geht ihm doch gut...? oder...? Jo?“ Er gab mir wieder keine Antwort. Ich sah mich nach meinem Rollstuhl um der aber nicht wie gewohnt in meiner Nähe stand. Ich war gefangen, In meinem Körper, In meinem Zimmer und in einem Land das mir fremd war.
„Was soll der Mist...? Ich will zu Felix. Jo..., bring mich zu ihm oder ich schreie hier alles zusammen.“ Meine ersten Worte waren noch leise und unsicher, aber zum Ende hin schrie ich ihn an. „ Du kannst jetzt nicht zu ihm, mach es dir nicht zu schwer und beruhige dich“, sagte er und versuchte mich abzulenken. 
Aber ich wollte mich nicht ablenken lassen und noch weniger wollte ich mich beruhigen. „Was verschweigst du mir?“, fragte ich ihn und betonte jedes einzelne Wort. 
„ Also gut...“, seufzte Jo auf und setzte sich zu mir aufs Bett. Er zupfte an meiner Decke herum und es sah so aus als würde er versuchen damit Zeit zu schinden. „Felix hatte heute Nacht noch einen Schwächeanfall und die Ärzte mussten die Entscheidung treffen, die OP so schnell es geht zu machen. Sein Körper konnte das Gift nicht mehr abbauen.“ Jo nahm meine Hand und ich wurde bleich. „Sie werden gerade operiert.“ 'Bamm', dachte ich nur, dass hat gesessen. Hätte ich etwas im Magen gehabt wäre es mir jetzt hoch gekommen. Mir wurde schwindelig und ich begann zu hyperventilieren. Jo hielt mir schnell seine Hand vor den Mund um zu verhindern das ich ohnmächtig wurde. Es funktionierte und langsam kam ich wieder runter. Ich wollte ihn schon wieder mit Fragen überschütten, als jemand hastig an die Tür klopfte und sie auch sofort öffnete. Ein junger Pfleger kam rein und sagte ganz aufgeregt in Jo´s Richtung. „come with me.“ Er unterstrich die Dringlichkeit noch mit wilden Gestiken. Jo folgte ihm so schnell er konnte. Sie vergaßen die Tür zu schließen und mich über das was jetzt geschah aufzuklären. Ich ahnte das etwas mit einem der Brüder sein musste und ich wollte dahin wo sie waren.  
Jonas und ich hatten uns gestern im Streit getrennt und in mir wuchs die Angst, das ich heute zwei Menschen verlieren könnte.
Es war wie ein Zwang, ein absolutes Muss, mich jetzt auf die Suche nach beiden zu machen. Vorsichtig ließ ich mich auf den Fußboden gleiten und robbte zur Tür. Zutiefst erleichtert sah ich meinen Rollstuhl vor der Tür stehen. Noch nie zuvor hatte ich mich so sehr darüber gefreut ihn zu sehen wie jetzt.
Ich schaffte es ganz leicht mich hinein zusetzen, löste die Bremsen und fuhr der Beschilderung Richtung OP nach.
 
XXVII.     Gib nicht auf ... 
 
Ich hatte Glück, dass mich keiner fragte wohin ich wollte oder mich anderweitig aufhielt. Noch durch eine große Tür und ich war an meinem Ziel. Rechts an der Wand war ein Knopf zum öffnen des Tores angebracht und ich hieb kräftig dagegen um dann schnell durch zufahren. Es war wie der Einlass in eine andere Welt, als das Tor sich leise hinter mir schloss. Überall waren große Fenster hinter denen geschäftiges Treiben herrschte. Ich sah ganz vorsichtig durch das erste Fenster an dem ich vorbei fuhr.
Um besser sehen zu können, setze ich mich auf die Lehne meines Stuhles. Auch jetzt hatte ich wieder mehr Glück, weil es auf Anhieb das richtige Fenster war. Ich konnte Jonas und Felix sehen. Die OP war schon vorüber, aber es schien etwas nicht zu stimmen. Während Jonas normal im Bett lag, liefen bei Felix alles was an Ärzten und Pflegekräften da waren, wild umher. Selbst Jo hatte alle Hände voll zu tun, um den Ärzten zu helfen. Ich konnte sehen was geschah, aber nicht hören was gesprochen wurde. Aber das hier etwas nicht stimmte konnte ich auch so verstehen. Die Aufregung im inneren des Zimmer ergriff von mir Besitz. Felix begann am ganzen Körper zu zittern und alle wurden noch aufgeregter. Einer der Ärzte nahm das Kissen unter Felix´s Kopf weg und versuchte ihn fest zuhalten. Er bekam eine Spritze in den Arm und man konnte sehen, das es ihn beruhigte. Es sah aber nicht so aus als wäre jetzt alles gut. Jo scheuchte den Arzt oder was er sonst war zur Seite und riss Felix das OP-Hemd auf, um sein Herz zu massieren.
Ich wünschte mir so sehr jetzt hören zu können was darin gesprochen wurde. Meine Angst um Felix wuchs immer weiter, weil ich sehen konnte, was auf dem Überwachungsmonitor zu sehen war. Die Skala die seine Herztöne zeigte, spielten verrückt. Das ist viel zu schnell dachte ich mir. 
„Bitte Felix..., nicht so schnell..., bitte... bitte“, flüsterte und betete vor mich hin und dann war nichts mehr zu sehen außer eine durchgehende Linie. „Nein..., Felix... Oh mein Gott nein, das kannst du jetzt nicht tun..., verdammt...“ Ich schrie, heulte und trommelte gleichzeitig an der Scheibe. Entsetzt über das was ich sah, hatte ich nicht bemerkt, das ich stand und mit beiden Fäusten an die Scheibe schlug.
Ich sah das man Jo einen Defibrillator reichte und er ihn auf Felix´s Brust aufsetzte. Sein Körper bäumte sich unter der Stärke des Stromschlages auf und fiel wieder in sich zusammen. Wieder und wieder jagte er Strom durch seinen leblosen Körper, aber nichts schien ihn zurückzuholen. Dann war auf einmal alles still. Keiner sagte etwas, keiner bewegte sich mehr, nur Jo massierte immer wieder das Herz von Felix, als wollte er ihn zwingen weiterzuleben. Einer der Ärzte legte Jo seine Hand auf die Schulter um ihm verstehen zu geben, das es zwecklos ist. „Gib nicht auf..., du darfst nicht aufgeben..., du darfst ihn doch jetzt nicht aufgeben.“ Ich schluchzte und hämmerte weiter an die Scheibe. Erst jetzt sah Jo zu mir. Er war Kreidebleich und Tränen liefen ihn über sein Gesicht. Ich schüttelte meinen Kopf, dass er nicht aufhören darf, nicht jetzt. Ich wollte nicht verstehen das es keinen Sinn mehr machte.
Erst als Jo sich ganz von Felix abwandte und mir mit einem leichten schütteln seines Kopfes zu verstehen gab, dass Felix Tod ist reagierte mein Körper wieder. Mein Herz schien einen Schlag auszusetzen und wahnsinnige Schmerzen fuhren durch meinen gesamten Körper wie ein Blitzschlag und dann riss es mir die Beine weg.
 
XXVIII.    Fragen die im mir kämpften
 
Ich erwachte als ich spürte, dass mir jemand über die Wange streichelte. Ich blinzelte mir den Schlaf aus den Augen, bis ich Jonas erkannte. Er lag neben mir, streichelte mich immer wieder und flüsterte mir aufmunternd zu. „Kleine Kitty, schön dich endlich wieder zu haben.“
„Jonas..., mein Jonas“, rief ich freudig überrascht und wie von selbst schlangen sich meine Arme um ihn und als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt, trafen sich unsere Lippen und ich küsste ihn. Als ich merkte, dass er meinen Kuss nicht erwiderte, kam die Erinnerung der vergangen Tage in mir hoch und ich erschrak. Tränen stiegen mir in die Augen und ließen sie überlaufen. Stotternd brachte ich meine Frage zusammen bevor sie beim letzten Wort ganz ihren Dienst aufgab: „Fe... Felix..., ist er... ist er wirklich, tot?“ Jonas rutschte etwas von mir weg und ich sah das er litt.                         
In seinem Gesicht stand die Antwort die ich nicht hören wollte. Dann legte er mir seine Hand wieder auf meine Wange und weinte mit mir. „Wir müssen Gina finden“, kam es flüsternd von ihm. Ich wusste nicht, was er gerade jetzt mit seiner Schwester wollte. Einer Schwester die Felix im Stich gelassen hatte, als er sie am nötigsten brauchte und die mit Sicherheit nicht um ihn trauern würde. „Warum?“, schluchzte ich fragend auf. „Weil sie die einzige ist, die ihn noch retten kann“, gab er vollkommen emotionslos als Antwort. Ich riss meine Augen weit auf und stemmte meine Hand gegen seine Brust um noch mehr Abstand zwischen uns zu bringen. Ich verstand nicht was er mir sagen wollte. Wie sollte sie ihn noch retten können wo er doch tot ist? „Jonas, .. Felix ist tot..., es kann keine Rettung geben.“ Wie konnte er nur so wirres Zeug reden. Er machte eine nickende Kopfbewegung, die mich zum Umdrehen bewegen sollte. Genervt tat ich es und bekam den nächsten Schock. Ich sah durch eine Glaswand in ein angrenzendes Zimmer.
In einem Bett lag ein, an Maschinen angeschlossener Mensch. Erst setzte mein Herz einen Schlag aus und begann dann zu rasen. Konnte das real sein? „Wir müssen Gina finden“, kam es wieder von Jonas. Wie eine Ertrinkende holte ich Luft, als Jonas mich ansprach weil ich vor Aufregung vergessen hatte zu atmen.
„Aber..., aber..., wie kann das sein? Du hast doch gesagt er ist tot.“ Er legte eine Hand auf meine Schulter und ich konnte spüren das er zitterte. Ich brauchte nicht hinzusehen um zu wissen das er noch immer weinte. „Er stirbt“, war alles was er sagen konnte. „Warum..., aber... die OP... wie konnte das passieren?“ Ich war nicht fähig auch nur einen sinnvollen Satz zusammen zusetzen. Es waren einfach zu viele Fragen, die in mir kämpften.
Leise hörte ich wie sich im Hintergrund eine Tür öffnete, jemand eintrat und hinter mir zum stehen kam.
Noch bevor ich zu ihm sah wusste ich, dass es Jo war. Er räusperte sich und gab meiner Vermutung recht. Ich musste mich zwingen zu ihm um zusehen, weil die Angst, Felix würde nicht mehr da sein wenn ich wieder zu ihm sah, einfach zu groß war. Jo, ein Mann wie ein Baum mit breiten Schultern und der Ausstrahlung eines Bodyguards, stand jetzt als ein Häufchen Elend vor mir. Seine Augen waren rot und er hatte dunkle Ränder. Er sah aus als wäre er in einer Nacht um 15 Jahre gealtert. Er räusperte sich nochmals aber sagen konnte er nichts.
Die Stille wurde nur von dem piepsenden Geräusch unterbrochen, das der Monitor machte, der die Vitalfunktionen von Jonas überwachte.
Wie in der Wiederholung eines Filmes kamen mir Bilder in mein Bewusstsein, die mir die OP von Jonas und Felix zeigten. Ich hatte den Todeskampf von Felix gesehen und die 
0-Linie die mir seinen Tod bewies. Aber es waren noch mehr Bilder, die ich nicht einordnen konnte, weil sie nicht wahr sein konnten. Jetzt wo Jo vor mir stand, erinnerte ich mich daran, dass ich auf meinen Beinen gestanden hatte und voller Verzweiflung gegen die Scheibe des OP's geschlagen hatte. Wenn das wahr war, dann hatte ich das am Tag vor der Abreise, als ich vor Jonas stand, auch nicht geträumt. Dann mussten auch die Schmerzen, die ich hatte, echt gewesen sein.
Ich sah wieder zu Felix und atmete erleichtert ein, als ich sah, dass er noch da war und die Gedanken um mich rückten in den Hintergrund. Jo räusperte sich erneut, um so von uns beiden die Aufmerksamkeit zu bekommen, aber mir fiel sofort auf, dass er nur Jonas ansah. Was stimmte denn jetzt schon wieder nicht? Fast krächzend begann er seinen Satz: „Sie ist nirgends zu finden.“ Wenn ich nicht gewusst hätte, das er Gina meinte, dann hätte mich das alles noch mehr verwirrt. „Ich habe noch alte Nummern und eine Mailadresse von ihr. Wir müssen sie um jeden Preis finden", gab Jonas als Antwort und beide ließen mich einfach außen vor. Ich kam mir so überflüssig vor.
Als er von der Mailadresse sprach, fiel mir ein, das ich bestimmt eine Mail von meiner Mutter hatte, die ich beantworten musste, damit sie nicht zu Besuch kam und dann vielleicht auch von meinem Mailpartner Jonas, der ja nicht wusste wer seine Mailpartnerin war. Jo ging zu einen Tisch und öffnete einen Laptop und nachdem er ihn hochgefahren hatte, schob er ihn Jonas hin, der sofort anfing hastig in irgendwelchen Ordnern zu suchen. „Darf ich zu Felix?“, fragte ich Jo. Keiner der beiden beachtete mich so richtig, nur Jo schüttelte abwesend mit dem Kopf.
Beide waren so vertieft in dem was sie taten, das keiner bemerkte dass ich mich in meinen Rollstuhl setzte und in Richtung Tür fuhr. Es zog mich weg von allem was ich sah und hörte und als ich die Zimmertür hinter mir zuzog, hörte ich noch Jonas zu Jo sagen, das er jetzt alles gefunden hatte und es ihm auf einen Stick kopieren würde.
Mein Herz sagte mir das ich zu Felix sollte, aber mein Verstand hielt mich davon ab und so fuhr ich in mein eigenes Zimmer und machte wie so oft meinen Laptop an und sah nach meinen Mails.
 
XXIX.      lass mich dir helfen  
 
Meine Mutter hatte mir nicht geschrieben. Das war ein Zeichen, das sie noch immer Sauer war, das konnte mir nur recht sein. Aber mein Mailpartner hatte mir 2 Mails geschickt. Die letzte war gerade erst angekommen. Als ich ihn vor drei Tagen aus dem Chat lies, war so viel passiert und es kam mir vor als lägen Jahre dazwischen. Wenn ich nicht gewusst hätte, das Jonas die Mail geschrieben hätte, dann hätte mich das was ich nun las nicht weiter beunruhigt. ›hey und sorry, dass ich mich jetzt erst melde. es ist soweit alles ok und wir hängen noch einige Urlaubstage hinten an. wie gehts dir denn so und was macht das Training? melde dich mal.‹
Er hatte doch echt die Frechheit, wo sein Bruder im sterben lag, so einen Mist zu schreiben. Allein sein: „Wie geht es dir denn so?“, brachte mich wieder in Rage. Wie gern wäre ich jetzt zu ihm gefahren und hätte ihm etwas gegen seinen dummen Kopf geworfen. Aber ich wollte meine Tarnung nicht aufgeben. »hey zurück. ich freue mich von dir zu hören, aber ich merke das deine mails so anders sind, stimmt etwas nicht? ich dachte wir wären über das dumme wie gehts hinweg und könnten über wichtiges reden.« Auf alles andere ging ich nicht ein und drückte auf senden.
Ich wartete einige Zeit und war dann doch überrascht als eine schnelle Antwort von ihm kam. ›stimmt schon. sorry, du hast ja recht. es kommt mir vor als trennen mich Welten von der Realität. nichts ist mehr wie es sein sollte. nichts ist gut. mein Freund......... er stirbt und ich kann ihm nur dabei zusehen. es tut mir leid, das ich mich nun bei dir ausheule, aber es tut gut darüber zu schreiben. ich bin in dem glauben mit ihm geflogen, dass ich ihm helfen kann und jetzt....... hat alles keinen sinn mehr‹
Das was ich jetzt las, zog mir den Hals zu und ich musste erst mal tief Luft holen. Meine Hände zitterten als ich ihm zurück schrieb. »es tut mir so unendlich leid. ich will dir helfen. sag mir bitte was ich tun kann? willst du chatten?« Ich wollte ihn jetzt nicht allein lassen. Als Kate konnte ich ihm nicht helfen, aber als Hanna konnte ich ihm wenigsten schreiben.
Seine Chatanfrage kam ohne eine neue Mail, damit war mir klar wie sehr er jetzt jemanden zum Reden brauchte. ›danke das du zeit für mich hast.‹ »ich sehe das als selbstverständlich an, schieß los, wie kann ich dir helfen?« Was kam jetzt, was würde er mir nun alles erzählen? Ich war so aufgeregt wie schon lange nicht mehr.
›du weißt ja jetzt, dass mein Freund im sterben liegt, ach Hanna es ist alles noch viel schlimmer, er ist mein Bruder und ich kann nur tatenlos zusehen wie er stirbt.‹
Seine Worte lösten in mir den selben Effekt aus den ein Eimer Eiswasser hat, der einem über geschüttet wurde. Meine Lippen bebten und Tränen liefen mir den Wangen hinab. Ich war sprachlos aber irgendwas musste ich doch jetzt schreiben. »was ist schief gelaufen?« Das war eine Frage die ich Jo auch gerne gestellt hätte, aber es hatte mich ja keiner mehr beachtet und jetzt hoffte ich auf diesem Weg aufgeklärt zu werden.
›mein Bruder ist sehr krank und brauchte eine meiner nieren. Leider gab es Komplikationen und jetzt arbeitet die niere nicht richtig. Jetzt suchen wir verzweifelt nach unserer schwester, damit sie ihm das leben rettet. Es ist so ausweglos‹ Mir war so als könnte ich beim lesen seine Stimme hören, sehen das er weint und fühlen wie er leidet. Sollte ich ihm sagen wer hinter Hanna steckte? So viele neue Fragen stürmten auf mich ein, auf die ich als Hanna keine Antworten bekommen konnte. »könnt ihr eure schwester denn nicht über gemeinsame freunde finden? kann denn niemand anderes helfen, was ist mit dem Mädchen das du/ihr beide liebt?« War ich denn verrückt oder einfach nur blöde, dass ich sowas an ihn schrieb? Wie schon zu oft, hatte ich schneller gehandelt als gedacht.
›wir haben uns gestritten und seitdem fehlt jede spur von ihr. NEIN sie darf da nicht noch tiefer mit rein gezogen werden. es geht ihr auch so schon nicht sehr gut‹
Nicht gut? Warum sollte es mir nicht gut gehen? Ich sah an mich hinab und verstand nicht was er damit meinte. OK, ich saß im Rollstuhl aber ansonsten ging es mir doch gut. Wusste Jonas etwas, das man mir nicht sagte? »was fehlt ihr denn?« und wieder ging es um mich ohne das ich es darauf angelegt hatte.
›sie ist während der op zusammengebrochen. sie nimmt das alles sehr mit und irgendwas stimmt nicht mit ihr, sie hat schmerzen die gar nicht sein dürften, Jo, ein gemeinsamer freund und der pfleger von meinem bruder macht sich auch sorgen wie das sein kann‹ Damit brachte er mich zum nachdenken. Schmerzen die nicht sein konnten! Wie kam es, das ich diese Art von Schmerzen hatte. Aber grade jetzt fühlte ich nichts, mir ging es gut, na ja so wie immer halt. Ich schüttelte meinen Kopf als könnte ich damit meine Gedanken verscheuchen und schrieb weiter. »hmm, schon seltsam«, ich wollte ihn am schreiben halten, wollte ihn so dazu bringen bei mir zu sein. Es machte mir Angst das jetzt nur noch ein '>ja'< von ihm kam. »ich will dir helfen, lass mich dir helfen«, ich hoffte so sehr, dass er mir etwas vertraute und ich ihn irgendwie helfen konnte.
                             
        
XXX. Der Kreis schließt sich...
 
›Ja, hilf mir BITTE. ich suche diese frau‹ es kam eine Mail mit Anhang und Mailadresse zurück. Das Bild einer schönen jungen Frau zeigte sich und ich schrie laut: „Pat!“ Oh mein Gott, das konnte doch nicht wahr sein. Ich stieß meinen Laptop etwas zurück und hörte in der Stille des Zimmers mein eigenes Herz schlagen, mein Magen verkrampfte sich und alles begann sich zu drehen. Das musste Gina sein, auch wenn sie für mich immer nur Pat war. Sie hatte so viel Ähnlichkeiten mit Jonas und Felix, die mir jetzt erst bewusst wurden. Wie auch, es gab ja nie einen Grund zwischen meinen zwei Leben einen Zusammenhang zu suchen. Und jetzt war ich der Schlüssel zu allem. Ich hatte es in der Hand den Kreis zu schließen, eine Lüge zuzugeben und Jonas und Felix zu helfen oder mit dem Wissen weiter zu leben, dass ich einem Menschen hätte retten können, es aber nicht getan habe um eine Freundin nicht auch noch in Gefahr zu bringen.
Das Buch von Pat mit der Mailadresse von Jonas, hatte sie es mir an dem Tag vorbei gebracht, als der große Streit war? Kam sie mich deshalb nicht besuchen, weil sie keinem der beiden über den Weg laufen wollte? Jetzt wurde mir so vieles klar.
›bist du noch da?‹ Seine Anfrage riss mich aus meinen Gedanken. »sorry, klar bin ich noch da, ich werde dir jetzt helfen. nein, warte bitte, lass uns jetzt aufhören zu chatten, ich melde mich dann bei dir, bye« Das musste ihm total irre vorkommen, aber darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Große Unruhe packte mich und ich begann mein Handy zu suchen. Dann verwarf ich meine Idee und überlegte was jetzt besser wäre. Jo, ich brauchte Jo. Er musste mir helfen.
Ich fuhr fast einen Pfleger über den Haufen als ich wieder zu Jonas fuhr. Mit einem Riesen Knall donnerte die Tür an die Wand. Ich wusste das jetzt alles aufflog, aber das Leben von Felix war mir wichtiger als meine Glaubwürdigkeit.
Ganz außer Atem und nur wirre nicht zusammen passende Sätze sprudelten aus mir heraus. „Ich bin Hanna..., das Buch..., Pat..., ich habe ihre Nummer..., wir retten Felix.“
Jo blickte mich an als wäre ich irre geworden, aber Jonas schien etwas zu begreifen. „Hanna?“, fragte er nur und ich erkannte, dass es in ihm dämmerte. Er sah zu seinem Laptop und dann zu mir. „Wer ist Pat?“, kam mehr als Antwort auf mein wirres Gefasel.
Stimmte ja, für ihn war sie ja Gina. Ich schüttelte meinen Kopf als würde es mir helfen meine Gedanken zu ordnen.
Es half nichts und ich sprudelte wieder dumm drauf los. „Pat hat mir das Buch geschenkt..., wir reiten zusammen..., du hast mir ihr Bild gezeigt..., ich hab ihre Nummer... wir sind Freundinnen.“
Jo kam zu mir und packte mich an den Schultern. Dann fühlte er, ob ich Fieber hatte und als er versuchte mir den Puls zu fühlen, schlug ich ihm die Hände weg.„Jo lass den Mist, mir geht es gut.“ Ich versuchte ihn los zu werden und Fuhr näher zu Jonas. „Wer ist Pat?“, kam erneut von ihm und ich konnte in seiner Stimme hören wie aufgeregt er war.
Jetzt erst wurde ich ruhiger und hielt ihm mein Handy hin. „Pat ist Gina“, sagte ich und tippte auf meinem Handy herum. Ein Bild von zwei glücklichen Mädchen, die zusammen auf einem Pferd saßen. Das Bild zeigte Pat 'Gina' und mich auf Thunder. Sie hatte die selbe Haarfarbe wie Felix und die selbe Augenfarbe wie Jonas. Das Foto wurde in der Woche meines Unfalls aufgenommen. „Aua!“ Mein Schrei riss uns alle in die Realität zurück. Jo hatte seine Hände so fest in meine Schultern gekrallt, dass es weh tat. Erschrocken fuhr er zusammen und entschuldigte sich schnell bei mir. Dann wurde auch ihm bewusst, dass wir jetzt die Möglichkeit hatten Felix zu retten.
„Soll ich sie anrufen?“, fragte ich ohne auf Jo und seine Entschuldigung zu achten. Ich sah zu Jonas, der mich Kopfschüttelnd ansah. „Du bist Hanna?“ fragte er mich und in seinem Ton hörte ich Wut aufsteigen. „es tut mir leid“ sagte ich und spürte Angst in mir aufsteigen. Gut, ich hatte ihn belogen aber? Ohman ich bin einfach unfähig zu fühlen wie sehr ich anderen weh tun kann, schimpfte ich im Gedanken mit mir selbst.
“soll ich sie anrufen” fragte ich erneut. “nein” sagte Jonas und es klang heißer und Eiskalt. Ich erschrak , hatte ich jetzt alles vermasselt? 

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